Antrittsvorlesung von Honorarprofessor Dr. Hans-Olaf Henkel
am 6. Februar 2001 an der Universität Mannheim
Wenn man Henkel einlädt, dann geht man ein Risiko ein. Ich hoffe, ein kalkuliertes.
Ich muss zugeben, ich bin ganz erschlagen von dieser wunderbaren Laudatio, die ich gerade bekommen habe. Man hört es, ich komme aus Hamburg und eigentlich sind wir Hamburger ja für eine gewisse Bescheidenheit bekannt. Vor diesem Hintergrund quäle ich mich jetzt zwischen zwei Reaktionen auf diese viel zu großzügig geratene Laudatio von Prof. Albrecht. Auf der einen Seite möchte ich als typischer Hamburger mit der gebotenen Bescheidenheit alle diese Lobeshymnen zurückweisen...... auf der anderen Seite habe ich natürlich großen Respekt vor Ihrer Urteilsfähigkeit, Herr Prof. Albrecht!
Aber ich muss das Kompliment nicht nur zurückweisen, ich muss es auch zurückgeben, denn ich wurde vorhin schon gefragt: "Wieso kommen Sie eigentlich gerade nach Mannheim?" Ich habe einmal den Fehler gemacht, nach dem Wahlabend im September 98, aus Spaß natürlich, auf ein ähnliche Frage, nämlich warum ich Herrn Schröder zum Wahlsieg gratuliert habe, zu reagieren. Damals habe ich - das war natürlich ironisch gemeint, wurde dann aber wieder ordentlich ernst genommen, ganz einfach gesagt, ich sei immer gern bei den Gewinnern.
Sehen Sie deshalb bin ich auch heute hier, meine Damen und Herren. Nur diesmal ist das ganz unironisch gemeint. Dafür habe ich drei Gründe. Erstens weil die Universität Mannheim und ihre Fakultät für Betriebswirtschaftslehre so schnell waren. Schneller als andere. Der zweite Grund: Ich hatte durch meine langjährige Mitgliedschaft im Vorstand des Stifterverbandes schon oft von Mannheim gehört, nämlich als eine der sechs Reformuniversitäten, die damals vom Stifterverband ausgesucht wurden, um hart am Rande des Hochschulrahmengesetzes, vielleicht auch ein bisschen darüber hinaus, sich in Hochschulreformen zu versuchen. Und ich glaube, Mannheim ist inzwischen wohl die reformfreudigste Universität. Der dritte Grund hängt natürlich mit der Qualität der Fakultät zusammen. Herr Prof. Albrecht hatte ja eben erwähnt, wo ungefähr ihr Stellenwert ist, nämlich ganz oben. Die Fakultät wurde vor kurzem von der AACSB als Mitglied zugelassen, als bisher einzige deutsche „Business School“, und wir wissen ja auch aus den diversen Hochschul-Hitparaden, veröffentlicht im Focus und Spiegel etwa, dass Mannheim ganz vorne ist.
Das Thema, das ich mir heute gestellt habe, ist ziemlich anspruchsvoll:
"Die wettbewerbsfähige Gesellschaft". Es ist fern von den normalen Vorlesungen, die Sie in Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre oder Soziologie erwarten können. Trotzdem glaube ich, dass das Thema einen klaren Bezug zu dieser Universität hat. Auch zu der Spezialität, die hier aufgebaut wird und aufgebaut wurde: der Entrepreneurship, also den Unternehmensgründern zu helfen.
Schließlich gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen der Wettbewerbsfähigkeit einer Gesellschaft und der Wirtschaft.
Lassen Sie mich das mal an drei Beispielen begründen. Erstens: Wenn die Gesellschaft Probleme hat, dann leidet die Wirtschaft auch darunter. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Das ist, glaube ich, ganz einleuchtend, und jeder von Ihnen weiß das. Zweitens, und das ist eine persönliche Beobachtung, in Deutschland bewegt sich die Gesellschaft zur Zeit mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die Industrieunternehmen, der international orientierte Mittelstand, sind auf Zack, die bewegen sich, sind konkurrenzfähig, können sich mit der internationalen Konkurrenz messen. Sonst wäre es ja kaum möglich gewesen, dass wir im letzten Jahr einen neuen Exportrekord hätten einfahren können. Die Industrie ist also recht schnell. Der Rest der Gesellschaft, und darauf komme ich noch, ist nicht so schnell. Es kann aber nicht auf die Dauer gut gehen, wenn sich große Teile der Gesellschaft mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen. Man kann das bedauern, aber den großen Firmen, und Sie wissen alle hier als Mannheimer wovon ich rede, blieb eben aufgrund dieser unterschiedlichen Geschwindigkeit oft gar nichts anderes übrig, als das eine oder andere Werk zu schließen und zu verlagern. Und der dritte Grund: Gesellschaften stehen im Wettbewerb miteinander genauso wie Unternehmen. Und der Wettbewerb zwischen Gesellschaften funktioniert ebenfalls genauso wie der zwischen Unternehmen, d.h. selbst wenn sie sich schon ein bisschen bewegen, die anderen aber schneller sind, dann passiert was? Dann fallen sie trotzdem zurück. Das also sind die drei Gründe, warum ich mir vorgenommen habe, hier heute über die wettbewerbsfähige Gesellschaft zu sprechen.
Übrigens, die Vorlesungen, die ich in der nächsten Woche halten werde, hängen auch damit zusammen. Ich werde über die ergrauende Gesellschaft reden. Deutschland wird immer älter, und ich werde versuchen darzulegen, was das eigentlich bedeutet, für Unternehmer, für Unternehmen, für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für Kunden und für Konsumenten. Ein weiteres Thema, das ich mir vorgenommen habe, handelt von der „künstlichen Intelligenz". Also ein ganz anderer Aspekt dessen, was wir sonst immer als "Informationsgesellschaft" beschreiben. Und ein drittes Thema, das ich mir vorgenommen habe: Europa. Was bedeutet Europa für Unternehmer?
Aber heute geht es darum, wie wir unsere Gesellschaft wettbewerbsfähig machen können. Ich muss Ihnen gleich zu Anfang sagen, dass das, was ich hier heute sage, nicht unbedingt ihren ungeteilten Beifall findet. Und es ist auch vor dem Hintergrund einer höchst individuellen Biographie zu sehen, wie wir sie alle haben: Sie haben ein anderes Leben hinter sich als ich, und deshalb haben wir alle unterschiedliche Erfahrungen, Sichtweisen und kommen oft zu unterschiedlichen Urteilen. Was mich vielleicht besonders geprägt hat, sind 35 Jahre Berufserfahrung in einem internationalen Unternehmen und die Tatsache, dass ich über die Hälfte dieser Zeit im Ausland verbracht hab, zweimal in Amerika, dreimal in Frankreich, zweimal in Asien. Es gibt natürlich viele andere, die das auch gemacht haben. Aber eben nicht alle. Was mich auch geprägt hat, ist, dass ich sechs Jahre lang ehrenamtlich als BDI-Präsident tätig war und mich von morgens bis abends für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Gesellschaft engagiert habe und nicht nur, so glaube ich jedenfalls, in Anführungsstrichen, "für die Industrie" oder "für die Wirtschaft", sondern immer „für die gesamte Gesellschaft“.
Jetzt kommt mein erstes und sehr einfaches Rezept zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Gesellschaft. Und jetzt halten Sie sich fest: Wir müssen mal anfangen, uns gegenseitig die Wahrheit zu sagen!
Ja wieso denn das? Nun weiß ich, dass es nicht die unbedingte Wahrheit gibt. Es gibt ja zu jedem Problem mindestens zwei Sichtweisen. Und es ist ja auch verständlich, dass viele Menschen die Welt so sehen, wie sie sie sich wünschen. Trotzdem muss man sich auch mal an die Fakten halten. Man kann natürlich Fakten eine Zeit lang ignorieren, ein reiches Land kann das etwas länger als ein armes. Und wir sind ja immer noch ein reiches Land. Aber ich glaube, es ist Zeit, dass wir uns mal zu gewissen Punkten die Wahrheit sagen, und mir ist in diesen sechs Jahren BDI-Präsidentschaft aufgefallen, dass zu vielen Themen in Deutschland nicht die Wahrheit gesagt wird. Ja, dass man über viele Themen gar nicht reden darf. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel: Die Steuerdiskussion. Inzwischen haben wir die Steuerreform. Aber ich erinnere mich noch ganz genau, vor drei, vier Jahren war die Notwendigkeit, den deutschen Mittelstand steuerlich zu entlasten, nicht akzeptiert, weder von der damaligen Regierung noch von der damaligen Opposition, die heute an der Regierung ist. Und mir ist ein wunderbares Beispiel in Erinnerung geblieben, das ich nie vergessen werde, obwohl ich viele solcher Beispiele erlebt habe. Vor seinem Rücktritt als Finanzminister war ich bei Oskar Lafontaine. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. An dem Abend habe ich gesagt, „Herr Lafontaine, Sie sagen immer, dass die deutschen Unternehmen steuerlich nicht schlechter gestellt sind als Unternehmen in anderen Ländern“. „Ja natürlich, Herr Henkel, das stimmt auch,“ antwortete Lafontaine, und er zeigt mir eine Statistik, die die europäische Kommission – oder war es die OECD - veröffentlicht hat. Diese Statistik zeigte die Kapitalsteuersätze der europäischen Unternehmen und schien in der Tat zu beleen, dass die Belastung durch die Kapitalsteuern der deutschen Unternehmen sogar leicht unter dem Durchschnitt Europas lag. „Sehen Sie Herr Henkel,“, meinte Lafontaine, "Hier steht es doch.“ Ich habe daraufhin gesagt, „Herr Lafontaine, die Statistik stimmt, doch die Rückschlüsse, die Sie ziehen, sind nicht zulässig. Sie machen nämlich zwei Denkfehler. Der eine ist, dass die Gewerbesteuer da nicht drin ist. Die gibt’ s woanders nicht.“ Das sind immerhin 10 Prozentpunkte! Darauf hat er gesagt: „Ach so, da ist die Gewerbesteuer nicht drin?“ Ich werfe ihm nicht vor, das nicht gewusst zu haben, er ist ja kein studierter Nationalökonom, er ist ja Physiker. Ich muss hier einen Einschub machen, wegen Ihres Beifalls. Auch darüber müssen wir mal nachdenken: Was tun Sie, wenn Sie Bauchschmerzen haben? Dann gehen Sie zum Internisten. Und wenn Ihr Auto kaputt ist, dann gehen Sie zur Automobilwerkstatt. Wenn Ihre Zähne weh tun, zum Zahnarzt. Es gibt aber eine Disziplin, da spielt sich jeder in Deutschland zum Experten auf. Egal was er studiert hat. Das sind die Wirtschaftswissenschaften. Unsere Politiker hören nicht auf die wirtschaftswissenschaftlichen Institute und ihre Rezepte, nicht auf die Bundesbank oder Europäische Zentralbank und schon gar nicht auf diejenigen mit praktischen Erfahrungen in der Wirtschaft. Was die Wirtschaft betrifft, sie meinen alles besser zu wissen, obwohl die meisten von ihnen noch nie in der Wirtschaft gearbeitet haben. Deshalb kann es eben passieren, dass ein vielleicht großartiger Physiker zu einem noch großartigeren Nationalökonomen werden will, der die gesamte Welt mit seinen Leitbildern beglücken will, und niemand fällt ihm in den Arm.
Zurück zu dem Beispiel: was ich zum einen sagen wollte, ist, dass in diesem EU-Vergleich der Unternehmenssteuern die Gewerbesteuer nicht berücksichtigt war, dieser Umstand aber beständig von der Regierung unterdrückt wurde. Ich bin ja bei der Wahrheit, meine Damen und Herren. Der andere Punkt ist ein bisschen komplizierter. Es gibt kein europäisches Land, in dem die Bedeutung des Mittelstandes und der Personengesellschaften so groß ist und konsequenterweise der Anteil der Kapitalgesellschaften so klein ist, wie Deutschland. Wenn der Anteil der deutschen Kapitalgesellschaften im europäischen Vergleich aber sehr klein ist, dann kann man davon ausgehen, dass die Durchschnittsgröße der deutschen Kapitalgesellschaften sehr hoch ist. D.h. in diesem Unternehmenssteuervergleich wurden die großen deutschen Unternehmen mit den großen, mittleren und kleinen der anderen Länder verglichen. Große Unternehmen erwirtschaften aber einen höheren Anteil ihrer Gewinne im Ausland als mittlere und kleine. Und versteuern deshalb auch einen höheren Anteil im Ausland als mittlere und kleine. Und da die Steuerlast im Ausland niedriger ist als bei uns, ist die durchschnittliche Steuerbelastung der großen deutschen Kapitalgesellschaften niedriger als die der kleineren europäischen Kapitalgesellschaften. Ja, dieser Umstand beweist geradezu, dass die Steuerbelastung für in Deutschland tätige Unternehmen eben höher als anderswo ist. Ich habe Minister Lafontaine diese beiden Zusammenhänge erklärt, und er hat sie auch akzeptiert!
Wenig später hat er unter Bezugnahme auf die EU- Statistik wieder behauptet, dass die deutschen Unternehmen eine geringere Steuerlast tragen als der Durchschnitt Europas!
Meine Damen und Herren, ich könnte Ihnen zahllose Beispiele für so etwas geben. Der ehemalige Bürgermeister meiner Heimatstadt Hamburg, Klaus von Dohnanyi, hat das mal wunderbar auf den Punkt gebracht. Er meinte, wir lebten in einer „Vier-Augen- Gesellschaft“, und wie oft habe ich es erlebt, dass wir uns nur unter vier Augen die Wahrheit sagen, aber in der Öffentlichkeit die Unwahrheit! Ein Meinungsforschungsinstitut hat mal herausgefunden, dass in unserem Land mehr Tabus existieren als in jedem anderen Land. Und dass nirgendwo eine von der Mehrheit abweichende Meinung so gnadenlos verfolgt wird, wie bei uns. Ich habe es selbst immer wieder erfahren müssen. Meine Damen und Herren, wenn Sie zum Beispiel öffentlich sagen, dass im Osten nur noch 25 Prozent der Arbeitgeber in Arbeitgeberverbänden sind oder dass der IG-Metall seit 1991 in Ostdeutschland über 50 Prozent der Mitglieder weggelaufen sind, dann kriegen Sie Ärger. Wenn Sie dann noch sagen, dass wir das Betriebsverfassungsgesetz ändern müssen, damit wir auch in Deutschland, wie überall in der Welt, Abschlüsse zwischen Betriebsräten und Betriebsleitungen möglich machen können, dann sollten Sie am nächsten Tag in Großbritannien gleich um politisches Asyl nachsuchen. Es gibt leider viele andere Themen, ich kann sie hier nicht alle erwähnen, über die man bei uns nicht reden darf. Überhaupt war jahrelang war das Zitieren angelsächsischer Vorbilder beim Thema Arbeitsmarkt bei uns praktisch "verboten". Ich erinnere mich an eines der Gespräche bei Altbundeskanzler Kohl, damals hieß das noch "Kanzlerrunde", jetzt heißt es ja "Bündnis für Arbeit". Im Grunde hat sich dort nichts geändert. Der einzige Unterschied ist, dass wir damals an einem runden Tisch saßen, heute ist der Tisch oval. Also, Mitte 95 hab’ ich da gesagt, „Herr Bundeskanzler, in Großbritannien ist die Arbeitslosenrate jetzt unter unserer.“ Das war die Wahrheit. Die Reaktion: „Herr Henkel, wie können Sie so etwas behaupten. Jeder weiß doch, dass das nicht stimmt.“ Ich entgegne: "Herr Bundeskanzler, diese Statistik hat die OECD (oder war es die EU) gerade herausgegeben“. Ich hab mich dann an Herrn Blüm gewandt, der saß wie immer neben ihm, aber er blätterte schnell und demonstrativ in seinen Unterlagen und hat meine hilfesuchenden Blicke nicht zur Kenntnis genommen. Die anderen Minister auch nicht. Meine Kollegen haben wohl die Statistik noch gar nicht gelesen, und die Gewerkschaftsführer feixten sich eins: „Da ist also der Henkel mal wieder so richtig aufgelaufen!“. Aber da saß ein Mann am Tisch, ich vergesse ihn nie, das war der Mann, der das Protokoll führte. Er sagte: „Herr Bundeskanzler, der Henkel hat recht.“ Ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckte. Die Tatsache, dassder Mann den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen, oder die Tatsache, dass er das nächste Mal da immer noch saß? Wie oft haben wir gesagt, dass man beim Arbeitsmarkt auch von den Amerikanern was lernen kann. Das heißt nicht, dass wir ihnen alles nachmachen müssen. Josef Stiglitz, der bekannte amerikanische Wirtschaftsprofessor, dem man nun wirklich nicht nachsagen kann, dass er ein Kapitalist ist, wurde mal von einem deutschen Journalisten gefragt: „Sagen Sie mal, was ist denn das mit den Billigarbeitsplätzen in den USA?" (Was übrigens nicht stimmt, wie man inzwischen weiß. Von den 16 Millionen Arbeitsplätzen, die während der Clinton-Regierung geschaffen wurden, entstanden 12 Millionen im hohen Einkommensniveau). Stiglitz’ Antwort? „Komisch, wie die Deutschen reagieren. So nach dem Muster: ‚ Wir haben zwar in den letzten 10 Jahren kaum Arbeitsplätze geschaffen, aber wenn wir es getan hätten, dann wären es bessere Arbeitsplätze gewesen’ .“ Das war unter Kohl die vorherrschende und politisch korrekte Reaktion auf angelsächsische Vorbilder gewesen. Bis zu der berühmten Rede von Bundespräsident Herzog, der Ruckrede. Er war damals der erste wichtige Politiker, der den Mut hatte, auch von angelsächsischen Vorbildern beim Arbeitsmarkt zu sprechen. Das hat auch was bewirkt.
Zur Wahrheit: nehmen Sie mal die Rentenreform, die ja letzte Woche durch den Bundestag ging. Die Wahrheit wäre gewesen, zu sagen, dass das Rentenalter nach oben zu setzen ist. Die Wahrheit wäre gewesen, zu sagen, dass die 24 Prozent Beitragsbegrenzung nicht geschafft werden können, ohne eine weitere Reform. Die Wahrheit wäre gewesen, zu sagen, in zwei Jahren sehen wir uns wieder, da gibt es wieder eine Rentenreform, denn das Bundesverfassungsgericht wird die nachgelagerte Rentenbesteuerung entscheiden. Natürlich war das eine unehrliche Rentenreform. Allein, wenn wir das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Pensionären auf dem heutigen Niveau halten wollen, müsste theoretisch das Rentenalter auf 77 Jahre gesetzt werden! Eine andere ebenso theoretische Alternative wäre, jährlich 450.000 Einwanderer ins Land zu holen.
Zur Wahrheit gehört aber auch Klarheit. Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis, das ich im Sommer ´95 hatte. Ich verbrachte damals einen Segelurlaub auf dem Plattensee in Ungarn und hatte eine Woche lang keine Zeitung bekommen. In irgendeinem Hafen hing sie, die Bild-Zeitung. Ich hab sie gekauft, auch wegen einer Riesenüberschrift. Die lautete: „Seid ihr alle verrückt geworden?“ Ich hab mir überlegt, was denn wohl in Bonn jetzt wieder passiert ist? Nun ganz einfach: Herr Louven, ein mutiger Sozialpolitiker der CDU, hatte im Sommerloch 1995 die anscheinend verrückte Idee, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu verändern. In der Tat, wir hatten zu der Zeit ein Gesetz, das in vielen Fällen zu dem Ergebnis kam, dass Leute im Krankheitsfall netto mehr verdienen konnten, als wenn sie gesund geblieben wären. Das war die Gesetzeslage damals. Die Bild-Zeitung kommt zwar aus einem konservativen Haus, wir haben das gerade wieder vernommen, auch vom Bundeskanzler, der sich von ihr verfolgt fühlt. Er hat anscheinend vergessen, dass er ohne sie wohl kaum gewählt worden wäre. Denn die Mehrheit der Bildzeitungleser sind Arbeitnehmer, die sogenannten kleinen Leute, meist auch SPD-Wähler, und die „Bild“ macht sich natürlich gern zum Anwalt dieser sogenannten kleinen Leute. Und deshalb diese Riesenüberschrift: "Seid ihr alle verrückt geworden?" Ich hab mir gedacht, im fernen Ungarn, was passiert wohl jetzt in Bonn? Ich habe mir vorgestellt, dass Kanzler Kohl den Bohl anruft, seinen damaligen Kanzleramtsminister, und sagt, „bring mir mal den Louven zur Ruhe! Der bringt ja die Republik gegen uns auf! Ich will meine Ruhe haben." Ich kam zurück, und hörte, dass genau das passiert ist. Was will ich mit diesem Beispiel sagen? Wenn Sie als BDI-Präsident, ich nehme auch mal an, als Professor, was verändern wollen und werden immer nur in der FAZ oder in der WELT oder im Handelsblatt wahrgenommen, dann verändern sie nichts. Die Leute, die das lesen, glauben das sowieso. Aber an diesem Beispiel sehen Sie: eine einzige Bild-Schlagzeile hat eine nötige Reform auf die lange Bank geschoben. Und ich dachte mir: Umgekehrt müsste eine Bild-Schlagzeile wohl eine Reform auch beschleunigen können. Und deshalb habe ich mich entschlossen, das Monopol für knackige Sprüche den Politikern nicht mehr zu überlassen, und seit der Zeit eben anders als ein klassischer BDI-Präsident oder IBM-Chef zu sprechen.
Übrigens, auch deshalb bin ich jetzt Kolumnist für die Bildzeitung geworden.
Meine Damen und Herren, zur Wahrheit, und dann hör ich auf mit diesem Kapitel, gehört auch ein Punkt, der mir zunehmend Sorge macht. Das begann ja alles in Seattle, als damals viele Menschen gegen die Globalisierung demonstrierten. Dann waren die plötzlich in Nizza. Da ging es zwar um Europa, aber sie haben auch dort gegen die Globalisierung gewettert. Und nun in Davos, da mussten die Schweizer alles Mögliche auf die Beine stellen, um zu verhindern, dass es zu ähnlichen Ausnahmezuständen kommt. Es ist wichtig, klarzustellen, dass die Globalisierung nicht nur Waren und Dienstleistungen um die Welt schickt, sondern auch Kulturgüter, also Beethoven für die Japaner, die Beatles für die Deutschen, Coca Cola für alle. Oder Mercedes. Aber sie bringt auch Werte um die Welt. Erinnern wir uns einmal an Lateinamerika vor zwanzig Jahren!. Ein Kontinent voller Obristen, Generäle, und Diktatoren. Als aktives Mitglied bei Amnesty International beobachte ich regelmäßig den Jahresbericht von AI über die Menschenrechte. Und dabei fällt mir schon seit vielen Jahren auf: Die Menschenrechte werden immer dann verbessert, wenn die Demokratie eingezogen ist. Und die zieht immer dann ein, wenn die Marktwirtschaft im Lande eingeführt wurde. Marktwirtschaft, mit dem Adjektiv sozial davor, Demokratie und Menschenrechte sind drei Seiten des gleichen Dreiecks. Nehmen wir das Beispiel Korea! Ein Mann, der noch vor zwanzig Jahren zum Tode verurteilt wurde und lange im Knast war, ist heute Präsident des Landes geworden. Wie ist das passiert? Nun, es begann mit Investitionen ausländischer Gesellschaften in Korea. Die haben auch westliche Werte mitgebracht. Sie haben sich für Demokratie, Menschenrechte, oft auch für die Anerkennung der Gewerkschaften eingesetzt. Das führte erst zu Veränderungen, dann zur Revolution, und jetzt haben wir dort Demokratie und Menschenrechte. Natürlich haben wir sie nicht überall, aber jetzt zu sagen, dass die Globalisierung schuld daran wäre, dass es immer noch viele Länder gibt, die davon nicht profitieren, stellt den Zusammenhang buchstäblich auf den Kopf. Afrika leidet. Aber Afrika leidet nicht, wie wider besseres Wissen dauernd behauptet wird, unter der Globalisierung. Afrika leidet darunter, dass die Globalisierung an diesem Kontinent vorbeigeht, darunter, dass wir dort keine Demokratie,
Menschenrechte und keine soziale Marktwirtschaft haben. Stattdessen haben wir dort Potentaten, Staatswirtschaft, Vetternwirtschaft, bestechliche Leute, Massaker
und andere Menschenrechtsverletzungen. Deshalb muss man mal umgekehrt,
offensiv, und das ist auch die Wahrheit, den Mut haben zu sagen, „jawohl, wir wollen
die Marktwirtschaft exportieren, sie hilft mit, zu den Verhältnissen zu führen, die wir
hier in Europa und anderswo in der westlichen Welt genießen“. In vielen Bereichen,
wo sie noch nicht existieren, gibt es weder das eine, noch das andere. Man kann sich
natürlich auch gegen die Globalisierung versuchen, abzuschotten, so wie Oskar
Lafontaine das gepredigt hat. Ich bin übrigens fest davon überzeugt, dass er
zurückgetreten ist, weil er gesehen hat, dass es für seine nationalökonomischen, ich
möchte mal sagen, Theorien, keine nationale und keine internationale Unterstützunggab. Nicht nur, weil wir hier gegen ihn waren, sondern weil er bei den zahlreichen
internationalen Konferenzen gemerkt hat, dass er total isoliert war. Isoliert meist und
besonders von sozialdemokratischen Kollegen aus anderen Ländern.
Übrigens, wenn wir über die Globalisierung sprechen, dann müssen wir uns erst einmal darüber im Klaren sein, dass wir an der Globalisierung nichts ändern können. Wenn es jetzt draußen regnet, dann nützt es auch nichts, dass wir schimpfen. Wir müssen uns einen Regenschirm mitnehmen und nicht nackt nach draußen laufen und sagen, eigentlich müsste es warm und trocken sein. Und so ist es bei der Globalisierung auch. Wie gesagt, sie führt auch zu der Verbreitung von Werten, von Kulturgütern, von Menschenrechten, von Demokratie. Auch das ist die Wahrheit.
Zur Unwahrheit noch eine Anekdote: Ein ehemaliger Ministerpräsident eines Bundeslandes, der inzwischen befördert worden ist, ich werde aber nicht sagen, wer es war, hat mal gesagt, als ein Fernsehreporter ihn aufforderte, zu einer meiner Aussagen Stellung zu nehmen: „Ach, Herr Henkel, dieser bezahlte Funktionär.“ Nun, dieser Mann wusste aber genau, dass ich ehrenamtlich tätig war. Aber konfrontiert mit einem Argument, das ihm nicht passte, hat er mich kurzerhand öffentlich zu einem bezahlten Funktionär gemacht. Ich habe ihm dann einen Brief geschrieben und diesen mit folgendem Satz abgeschlossen: Ich weiß, dass dieser Satz ihn so an die Decke gebracht hat, dass er wochenlang nicht mehr mit mir reden wollte. Und der Satz lautete so: "Die Wahrheit ist ein kostbares Gut, aber so sparsam sollten Sie mit ihm nicht umgehen. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Hans-Olaf Henkel".
Zur Wahrheit gehört auch, dass sich bei uns was ändert und der Bundeskanzler greift manchmal auch pragmatisch zu. Zum Beispiel beim Thema Zuwanderung. Bundeskanzler Schröder war bei der Eröffnung der CEBIT im März dieses Jahres und ein BDI-Vize hat ihm, in einer Rede, die er vorher gehalten hatte, vorgeschlagen, dass wir die Greencard einführen sollten für IT-Spezialisten. Es gab rauschenden Beifall für diesen Vorschlag, vorgebracht von Volker Jung. Das kann man sich vorstellen, wenn dort 2000 Vertreter aus der Informationstechnikbranche sitzen. Bundeskanzler Schröder hat dann, wie meistens, seine vorbereitete Rede, auf dem Stuhl liegen lassen und eine freie Rede gehalten. Wohl zunächst wegen des zu erwartenden Beifalls hat er diesen Vorschlag aufgegriffen und hat gesagt: „Gut, das können wir mal überlegen, wir nennen das dann nicht Green-Card, sondern natürlich Red/Green-Card“. Man kann sich vorstellen, warum er gerade diese Farben bevorzugt. Aber man muss anerkennen, dass plötzlich ein Damm gebrochen wurde. Aus dieser Diskussion entstand dann erst die Green-Card, die natürlich nicht funktioniert, weil man solche Leute nicht erst ins Land locken kann, um sie dann nach fünf Jahren wieder herauszubitten. Aber jetzt ist es inzwischen erlaubt zu sagen, dass wir auch Fachkräfte auf ganz anderen Gebieten brauchen. Vorher war das „verboten“. Obwohl es schon lange klar ist, dass wir nicht genug Ingenieure, Chemiker, Physiker haben. Die Anzahl der Doktoranden in Physik war im Jahre 1995 noch 3000, letztes Jahr waren es 1800, nächstes Jahr werden es vielleicht noch 1000 sein. Also, wir brauchen auch hier mehr Leute. Das eigentlich Interessante an dieser Diskussion ist, dass der Bundeskanzler dann schnell die sich bietenden Freiräume genutzt hat und eine Kommission zum Thema "Zuwanderung" einsetzte, der ich auch angehöre. Also man kann sehen, dass sich ein bisschen was bewegt, und dass dieser Bundeskanzler durchaus in der Lage ist, pragmatisch zuzugreifen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Dann darf plötzlich jeder die banale Wahrheitsagen, nämlich dass wir Zuwanderer brauchen. Nicht wegen der Rente, das wäre absurd, aber wir brauchen sie wegen der fehlenden Qualifikationen.
Nach "Wahrheit" ist "Freiheit" mein zweites Thema heute Abend.
Ich möchte Sie neben des Dreiecks aus „Demokratie“, „Menschenrechten“ und „Marktwirtschaft“ aus meinen Bemerkungen über die Vorteile der Globalisierung an ein weiteres Dreieck erinnern. Sie kennen es noch aus dem Geschichtsunterricht. Es ist jetzt 211 oder 212 Jahre her. Das wunderbare Dreieck aus der französischen Revolution: „Egalité, Liberté, Fraternité“. Übersetzen wir das doch mal ein bisschen großzügig ins Deutsche, in: „Freiheit, Gleichheit und Solidarität“. Wenn Sie heute eine Franc-Münze in der Hand haben, dann können Sie diesen Dreiklang immer noch lesen, wenn der Euro kommt, ist das auch vorbei.
Wie war das denn damals mit der französischen Revolution? Sie haben erst mal die Adligen auf das Schafott geführt, und dann kriegten sie sich doch selbst in die Haare. Was war denn der Grund der damaligen Auseinandersetzung? Einer war, dass sich die Revolutionäre nicht einigen konnten, was denn wirklich das Wichtigere ist, die Freiheit oder die Gleichheit? Dafür musste erst Danton aufs Schafott und nachher Robespierre. Bis man einen Kompromiss fand, die „Fraternité“, also die „Solidarität“ als Kitt zwischen „Freiheit“ und „Gleichheit“ einzuführen. Deshalb dieses Dreieck. Warum sage ich das? Betrachten wir mal unser Land. Wir geben inzwischen über ein Drittel des Bruttosozialproduktes für Soziales aus. Für Gleichheit und für Solidarität. Diese Quote ist noch nie so hoch gewesen wie heute. Wir verteilen heute soviel um wie noch nie zuvor. Die Sozialversicherungsquote, das ist das, was die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber zahlen müssen, ist heute auch höher als sie je war. Und trotzdem redet uns die Politik, und zwar nicht nur aus der jetzigen Regierung, von morgens bis abends ein, dass wir einen gewaltigen Nachholbedarf an sozialer Gerechtigkeit, also an Gleichheit hätten. Das Allensbach Institut hat 1990 den Befragten eine Skala vorgelegt. Auf der einen Seite dieser Skala stand "Gleichheit" und auf der anderen Seite "Freiheit". Das Institut hat gefragt: „Wie wichtig ist Ihnen die Freiheit im Vergleich zur Gleichheit?“ und festgestellt, dass 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, die Deutschen mit dem Ideal der Freiheit wesentlich mehr am Hut hatten, als mit dem Ideal der Gleichheit. Und die Ostdeutschen interessanterweise noch mehr als die Westdeutschen. Man kann daraus erkennen, dass wenn man die Freiheit lange nicht hatte, oder sie nicht hat, sie besonders viel Wert zu sein scheint. Zehn Jahre später, im Frühjahr 2000, hat Allensbach die gleiche Untersuchung wiederholt. Und was ist passiert? Die Mehrheit der Deutschen gibt jetzt dem Gut der Gleichheit ein höheres Gewicht als dem Gut der Freiheit. Und im Osten ist dieses sogar noch ausgeprägter als vorher der Fall.
Was ist in den letzten zehn Jahren eigentlich passiert? Nun, so denke ich, von morgens bis abends reden wir uns ein, wir hätten einen Nachholbedarf an sozialer Gerechtigkeit. Und es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht schon wieder ein neuer Anschlag auf die Freiheit verübt und mit irreführenden Gleichheits-Argumenten begründet wird. Ich habe mich deshalb auch sehr gewundert, als der DGB vor einigen Monaten den sogenannten Armutsbericht vorgelegt hat, unsere Zeitungen diesen völlig kritiklos abgedruckt hatten, so, als sei es die Wahrheit, dass wir heute soviel Arme wie noch nie zuvor hätten. 12 Millionen Arme sollen es schon sein. Ich hab mich dann ein bisschen eingearbeitet. Ich wollte wissen, wo kommt sie eigentlich her, diese Aussage? Und habe dabei ein paar interessante Sachen gelernt. Zum Beispiel, wie Armut bei uns definiert wird: Arm ist demnach jeder, der weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens in Deutschland verdient. Ich darf das nocheinmal wiederholen, weil das auch eine ganz wichtige Aussage über die vorgegebene Richtung ist. Jeder, der weniger als die Hälfte des Durchschnitts bekommt, ist arm. Was bedeutet diese Formel eigentlich? Sie bedeutet, dass absoluter Fortschritt für die Armen anscheinend völlig uninteressant ist. Die Gleichheit ist die Norm. Nehmen wir mal an, wir würden alle morgen nur noch 1000 Mark im Monat verdienen, dann gäbe es keine Armen mehr. Oder nehmen wir mal an, wir alle würden morgen das doppelte von dem verdienen, was wir heute haben, einschließlich der Armen: Wir hätten immer noch 12 Millionen Arme. Oder nehmen wir mal an, wir würden alle Reichen aus dem Land treiben, nach Österreich oder in die Schweiz oder nach Mallorca!. Ohne dass wir für die Armen was getan hätten: wir hätten automatisch viel weniger Arme. Ich hab’ s mal ausgerechnet. Wenn Bill Gates käme, hätten wir über Nacht 200.000 mehr Arme.
Meine Damen und Herren, ich weiß schon, das ist alles so ein bisschen lustig. Aber ich möchte auf einen ernsten Kern aufmerksam machen: Gleichheit, ohne Interesse für eine absolute Verbesserung beim Wohlstand für alle, das ist genau das, was die Verfechter dieser Formel wollen. Jedem von Ihnen, und wir kommen doch alle im Ausland herum, stelle ich einfach mal eine Frage: Kennen Sie ein Land, in dem der Unterschied zwischen arm und reich so gering ist, wie bei uns? Ich nicht. Auch nicht Schweden, dort gehört die Industrie ca. sechs oder sieben Familien. Und trotzdem wurde gerade uns Deutschen von morgens bis abends eingeredet, wir hätten einen Nachholbedarf an sozialer Gerechtigkeit, einen Nachholbedarf an Gleichheit. Meine Damen und Herren, das Gegenteil ist der Fall. Wir sind unter den westlichen Demokratien das „gleichste“, auf jeden Fall das ausgeglichenste, aber auch das überregulierteste Land der Welt. Man kann die Unfreiheit auch an objektiven Tatbeständen festmachen, wie der Anzahl der Regularien oder der Höhe der Steuern, die man zahlt. Das sind auch Symptome der Unfreiheit. Oder nehmen wir jetzt das aktuelle Diskussionsthema Mitbestimmung. Die Deutschen haben von der Mitbestimmung jahrzehntelang profitiert. Es gibt aber auch andere Wege sicherzustellen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Entscheidungsprozess im Unternehmen zu beteiligen. Bei der IBM haben wir fantastische Modelle. Ich will sie nicht alle wiedergeben. Aber in Deutschland ist man der Meinung, das muss eine neben der Führungshierarchie eingezogene Mitbestimmungshierarchie machen. Das gibt Vorteile, sicher. Aber es kostet auch was. Wir haben 220000 Betriebsräte in Deutschland, und jetzt werden es noch einmal ein paar mehr. Das kostet nicht nur viel Geld. Es hat auch andere Nachteile. Ich behaupte sogar, dass die Personalführung deutscher Führungskräfte nicht so gut ist, wie in vielen Unternehmen in angelsächsischen Ländern. Warum? Wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ein Problem hat, dann heißt es bei uns allzu oft: „Geh zum Betriebsrat, dafür ist er doch da“. Und die haben ja auch bei uns eine Menge zu tun. In anderen Ländern, wo es diese Funktion nicht gibt, liegt die Personalführung voll in der Verantwortung des oder der Vorgesetzten. Dort muss die Führungskraft selbst für die Lösung von Personalproblemen sorgen. Das führt oft dazu, dass sie erst gar nicht aufkommen. Es liegt mir fern, das deutsche System hier als untauglich zu bezeichnen. Aber ich will sagen, dass es viele Alternativen zur deutschen Art der Mitbestimmung gibt, und es muss uns schon nachdenklich machen, wenn wir feststellen, dass niemand in Europa oder sonst wo in der Welt unser Modell will. Es ist bezeichnend, dass es die gleiche Regierung ist, die uns von morgens bis abends einredet, wir müssten hier europatauglich sein, dort europakonform werden, wir müssen jenes tun, weil es auch in Europa üblich sei, dass die gleiche Regierung uns beim Thema Mitbestimmung immer weiter in einen deutschen Sonderweghineintreibt. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg über kurz oder lang in einer Sackgasse endet. Auch muss es doch aufgefallen sein, dass auch bei uns niemand in der New Economy und bei all diesen wunderbaren Unternehmensgründungen mit Mitbestimmung etwas zu tun haben will. Wissen Sie, was die jungen Entrepreneurs wirklich interessiert? Selbstbestimmung und Freiheit! Aber das wollen die Gleichmacher nicht. Sie zwingen uns Vormünder auf, die dafür sorgen sollen, dass alle gleich behandelt und möglichst komplett in die Scheuer der Gewerkschaften getrieben werden. Um Gottes willen, bloß keine individuellen Abmachungen! Als wir 1992 in der IBM Deutschland für 200 Mitarbeiter die Telearbeit auf freiwilliger Basis eingeführt haben, (als erstes Unternehmen in Deutschland), wurde ich buchstäblich durch die Presse gejagt von der IG-Metall, von der DAG. Wir haben damals den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft für eine Betriebsvereinbarung mit dem Betriebsrat gewonnen. Das war übrigens das erste Mal, dass der Innovationspreis nicht für ein Produkt vergeben, sondern für eine Idee vergeben wurde, nämlich mit dem Betriebsrat diese Betriebsvereinbarung zu unterschreiben. Wir wollten Frauen mit Kindern zu Hause arbeiten lassen, wenn sie es denn wollten oder den Behinderten das Reisen zum Arbeitsplatz ersparen. Schon damals war uns klar: nicht jeder muss jeden Tag ins Büro. Das hilft auch der Umwelt. Aber diese Idee wurde damals gnadenlos bekämpft und zwar mit dem gleichen Begriff, mit dem auch heute jetzt diese neuen unseligen Betriebsratsgesetze, die Herr Riester in der Schublade hat, begründet werden. Ich hab diese Begründung gestern noch bei einer gemeinsamen Tagung zwischen Japanern und Deutschen von dem Starjournalisten einer linken Wochenzeitung gehört. Er meinte allen Ernstes: „Wir müssen die Menschen doch vor der Selbstausbeutung schützen.“ Meine Damen und Herren, das ist die Begründung, die zentrale Begründung für das Betriebsverfassungsgesetz. Die Menschen sollen vor der Selbstausbeutung geschützt werden! Anscheinend sind diesen Leuten die bösen Kapitalisten als Feindbilder ausgefallen, und jetzt hat man ein neues Feindbild entdeckt: den Menschen - der vor sich selbst geschützt werden muss. Das ist eine flagrante Verletzung, finde ich, des Ideals der Freiheit. Die haben völlig vergessen, das es eben nicht nur Mitbestimmung, sondern auch noch so etwas wie Selbstbestimmung gibt.
Hans Merkel, der große Doyen der deutschen Industrie, der vor einigen Monaten gestorben ist, hat mir zu meinem 50. Geburtstag mal die Erstschrift einer Rede geschickt, die Thomas Mann 1939 vor dem PEN-Club in Stockholm gehalten hat. Er war damals schon Emigrant in Amerika und wurde eingeladen, eine Rede über das Problem der Freiheit zu halten. Er hat wie kein anderer beschrieben, dass Freiheit und Gleichheit einander widersprechen. Das haben ja die französischen Revolutionäre auch entdeckt. Er hat aber auch festgestellt, dass, wenn wir zu viel Freiheit haben, die Gleichheit, die Solidarität, vor die Hunde geht. Deshalb braucht die Marktwirtschaft ja auch Regeln wie ein Fußballspiel. Auch sie braucht einen Schiedsrichter. Sie braucht die Rote und Gelbe Karte als Sanktion. Deshalb sind wir ja nicht dafür, in völlig freier Manier nun die Wirtschaft sich austoben zu lassen und am Schluss nur noch einen Monopolisten zu haben. Aber er hat auch festgestellt, dass bei zuviel Gleichheit die Freiheit über die Wupper geht. Das haben wir ja in der DDR gesehen. Und wenn dann die Freiheit weg ist, dann ist irgendwann die Gleichheit auch kaputt. Wir müssen einfach mal feststellen, wo wir sind. Und mein Petitum ist: die Kantenlänge der „Freiheit“ in diesem wunderschönen Dreieck, das wir aus der französischen Revolution überliefert bekamen, diese Kantenlänge ist bei uns verdammt kurz geworden.
Der dritte Punkt. Nach der Wahrheit, der Freiheit, lassen Sie mich zum Wettbewerb kommen.
Ich hab’ s ja vorhin schon erwähnt, der Wettbewerb zwischen Gesellschaften läuft nach den gleichen Regeln ab, wie der zwischen Unternehmen, und wenn sie nicht schnell genug sind, dann können sie, obwohl sie sich bewegen, zurückfallen. Im Sport und in der Kultur ist das ja akzeptiert. Wenn Schumi Weltmeister wird, dann gucken wir uns das auf dem Bildschirm an, 80mal geht das immer so rum, ich weiß auch nicht, warum man das anguckt, aber es soll Leute geben, die sich das antun. Wenn er dann gewonnen hat, dann kommen einem die Tränen in die Augen. Wir sind auch gar nicht neidisch, wenn wir hören, dass er hundert Millionen im Jahr verdient, wobei ich nicht weiß, ob es Mark, Euro oder Dollar sind. Und wenn er am Genfer See wohnt, dann wahrscheinlich, weil der See schöner ist als der Bodensee, denn natürlich hat das mit unseren hohen Steuern auch nichts zu tun. Also, wenn es um das Prinzip Wettbewerb im Sport geht, dann akzeptieren wir es. Übrigens in der Kultur ja auch, es käme doch keiner auf die Idee, jemanden auf die Opernbühne zu schicken, ohne dass sie oder er sich in Wettbewerben qualifiziert haben. Nur in gewissen Bereichen unserer Gesellschaft haben wir den Wettbewerb systematisch in den letzten Jahrzehnten außer Kraft gesetzt.
Zum Beispiel durch die Flächentarife. Den Wettbewerb, das Leistungsprinzip, können Sie in vielen Unternehmen einfach nicht mehr in Gang kriegen. Ich weiß noch, als wir 1985 die Tarifabschlüsse zur Kenntnis nahmen, meinetwegen 3 Prozent, dann konnten wir uns 5 Prozent leisten oder 6. Das war typisch für die gesamte deutsche Industrie. Jeder kriegte die Tarifzulagen, aber die besonders Guten, die kriegten auch mal 10 Prozent mehr. Und die, die sich haben mitschleppen lassen, die kriegten eben nur die Tariferhöhung. Heute ist der Flächentarif so angelegt, dass er gleichzeitig der maximale Mindesttarif geworden ist. Mehr als das, was die Herren da unterschreiben, kann sich der typische deutsche Mittelständler nicht leisten. D.h. der finanzielle Anreiz, um mehr im Unternehmen zu leisten, den können Sie eigentlich nur noch über die Aussicht auf Beförderung erreichen. Diese nivellierende Methode gibt es nur noch in Deutschland. Auch in den ehemaligen osteuropäischen Ländern haben die Unternehmer wesentlich mehr Flexibilität in der Hand.
Oder nehmen Sie das Bildungssystem. Gott sei Dank, es wird langsam mal diskutiert. Aber auch im Bildungssystem sollte es nach den Regeln des Dreitausendmeterlaufs laufen. Natürlich müssen alle zur gleichen Zeit am Start sein. Chancengleichheit ist in der Bildungspolitik unverzichtbar. Aber irgendwie wird anscheinend auch immer noch dafür gesorgt, dass alle nach 3000 Metern auch gleichzeitig am Ziel sind. Wenn sie aber so laufen, dann laufen alle ziemlich langsam. Es gibt ja einige Bundesländer, in denen die Abiturnoten nach der Leistung in der Klasse vergeben werden. Völlig unabhängig vom Niveau der Klasse. Die Anzahl der Einsen, Zweien, Dreien, Vieren und Fünfen ist gleich, egal wie das Niveau der Klasse ist. In einer Klasse, in der das Niveau sehr hoch ist, gibt es genauso oft eine Einser-Zensur wie in einer Klasse, in der das Niveau viel geringer ist. Das ist bei den einzelnen Bundesländern unterschiedlich, dass muss ich vorneweg sagen. Und wenn wir feststellen, dass wir heute ein großes Defizit an naturwissenschaftlichen Studienanfängern haben, Gott sei Dank ändert sich das ein bisschen, dann hat das auch den Grund, dass die Industrie über zwei, drei Jahre nicht in diesen Bereichen eingestellt hat. Das ist selbstkritisch zuzugeben. Aber inzwischen ist der Hauptgrund ein ganz anderer: Die jungen Menschen sind oft nicht genug qualifiziert, diese Fächer zu studieren. Wir stellen fest, dass 15 Prozent derjenigen, die sich fürLehrplätze bewerben, nicht richtig schreiben und lesen können, geschweige denn rechnen. Und das liegt vor allem daran, dass wir den Wettbewerb zwischen Schülern durch diese Art und Weise der Notenvergabe außer Kraft gesetzt haben. Es gibt viele Rezepte dagegen. Ich nenne nur mal eins: Es wäre so wunderbar, wenn die Universitäten wieder Eingangsprüfungen machen dürften, so wie früher.
Das hätte eine phantastische Rückkoppelung auch auf die Qualität der Schulen, denn sehr schnell würde sich herausstellen, welche Schule nicht mehr in der Lage ist, ihre Abgänger an die Universität zu schicken. Wettbewerb, meine Damen und Herren, ist nötig, nicht nur zwischen Schülern und Studenten, Professoren, Universitäten, auch zwischen Bundesländern. Das beginnt zum Beispiel mit der KMK, der Kultusministerkonferenz. Wenn irgendein Bundesland gerne Eingangsprüfung haben will, dann soll man dieses Land doch lassen, und nicht deshalb verbieten, weil ein anderes das nicht will. Ich komme noch einmal zum Bild des gemeinsamen kleinsten Nenners, des Konsenses und der Geschwindigkeit: wenn wir uns mit der Geschwindigkeit des Langsamsten, oder ich sage jetzt auch mal ganz bewusst, der langsamsten Bildungsministerin in der Bildungspolitik bewegen, dann fallen wir zurück. So wenige ausländische Studenten wie heute hatten wir noch nie an den deutschen Universitäten. Und das, obwohl wir mit den Österreichern inzwischen die einzigen sind, die keine Studiengebühren erheben. Die Österreicher ändern das übrigens jetzt. Die Kultusministerkonferenz hat jetzt empfohlen, im Ausland mit der Gebührenfreiheit an deutschen Universitäten zu werben. Ich habe zwei Kultusministern gesagt, wenn wir das Problem in der Wirtschaft hätten, dann würden wir erst mal das Produkt in Ordnung bringen, bevor wir das Geld in die Werbung stecken.
Nun will ich vielen, die gerade geklatscht haben, doch ein bisschen Wasser in den Wein kippen. Es geht nicht um mehr Geld, es geht um mehr Wettbewerb. Ich war vor zwei Jahren eingeladen, bei der London School of Economics einen Vortrag zu halten. Die haben 3000 Studenten. Und die Aula ist ungefähr so groß wie hier. Sie war, so wie hier, brechend voll. Und dann hat Anthony Giddens mich am Schluss gefragt, ob ich denn bereit wäre, auch Fragen zu beantworten? Klar! Obwohl ich die Rede in Englisch gehalten habe, bekam ich aber nur in gestochenem Deutsch vorgebrachte Fragen. Auch mit verschiedenen Akzenten. Ich habe zu Anthony gesagt, “Alle Achtung, dass hier so viele Engländer so gut Deutsch sprechen!“ Seine Antwort: "Das sind doch alles Deutsche, Herr Henkel!“ An der London School of Economics sind über 200 Deutsche, obwohl das dort sehr viel Geld kostet, zu uns kommt „niemand“ mehr, obwohl es nichts kostet. Irgendwas stimmt doch nicht! Also, meine Damen und Herren, wir können das regeln, indem wir zum Beispiel irgendeinem Bundesland oder einer fortschrittlichen Bildungsministerin oder Kultusminister die Freiheit geben, es selbst zu entscheiden. Und wenn eine einzige deutsche Universität Eingangsprüfung machen dürfte, dann wäre dies in sehr kurzer Zeit die beste in Deutschland. In Amerika werden, besonders an den guten Colleges, Studenten nicht danach ausgesucht, ob sie Geld mitbringen. Die Eliteuniversitäten stellen die Frage erst, nachdem man ausgewählt hat. Wie willst du denn bezahlen? Ach, du kannst nicht bezahlen? Dann kriegst du ein Stipendium. Genauso sollten wir hier vorgehen.
Die entscheidende Frage ist: "Wie wird man wettbewerbsfähig?"
Meine Antwort: "Durch Wettbewerb."
Lassen Sie mich zum letzten Punkt kommen, meine Damen und Herren.
Nachdem ich über Wahrheit, über Freiheit, über die Notwendigkeit des Wettbewerbs gesprochen habe, möchte ich über Nachhaltigkeit sprechen.
Darf ich unbescheidenerweise erwähnen, dass ich mal Ökomanager des Jahres war? Ich sage das deshalb, damit Sie das, was ich jetzt sage, auch richtig einschätzen können. Zwei Jahre, nachdem ich diesen Preis bekommen habe, auf den ich sehr stolz war, (meine Tochter hat diese Urkunde in ihr Schlafzimmer gehängt), vom WWF verliehen, zwei Jahre später bekam ich noch eine Auszeichnung: Den Dinosaurier des Jahres! Warum? Weil ich, zu der Zeit war ich schon BDI-Präsident, mich „nachhaltig“ gegen die Ökosteuer ausgesprochen habe, weil ich fest davon überzeugt bin, und das ist sicherlich auch mal ein wunderbares Thema einer Vorlesung für später, dass die Ökosteuer, die jetzt die Bundesregierung eingeführt hat, sich, meine Damen und Herren, verrückterweise auch noch gegen die Umwelt wendet, ja, an ihr versündigt. Das kann ich beweisen. Man muss mir nur die Zeit geben, die hab ich jetzt nicht. Vor einiger Zeit war ich mit Bundesminister Trittin in Brüssel, und dort hat uns die Kommissarin, zuständig für den Umweltschutz, beide gelobt. Es waren 200 Leute im Raum und sie sagte: „Ich darf bei dieser Gelegenheit noch einmal sagen, dass wir immer wieder feststellen, dass die Deutschen im Umweltschutz die Besten in Europa sind. Sie sind Umwelteuropameister, übrigens ganz besonders die deutsche Industrie.“ Also, nun sollte man doch annehmen, dass der Minister für Umwelt aus Deutschland sich äußerst erfreut zeigte über das Lob von höchster Stelle. Aber er zog das, was man so „eine sauertöpfische Miene“ nennt. Das wollte er nicht hören. Das passte ja überhaupt nicht zu dem, was er uns hier immer erzählt. Die Deutschen sind nicht nur Umwelteuropameister, sondern sie sind Umweltweltmeister. Und die Industrie ist vorneweg. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Wenn Sie die Industrieprozesse überall in der Welt einführten, die wir in der deutschen Industrie eingeführt haben, dann könnten Sie über Nacht den CO/2- Ausstoß um 17 Prozent senken. Insgesamt aber ist Deutschland nur zu knapp 4 Prozent für den gesamten weltweiten CO/2-Ausstoß verantwortlich. Überall wird uns gesagt, dass wir die Besten sind. Und wir tun das ja auch mit einer, ja, manchmal hab ich das Gefühl, mit einer gewissen masochistischen Lust. Und wenn ich in Böblingen sehe, wie viele verschiedene Mülleimer wir da schon in der Küche stehen haben! Mit einer Lust und Wonne verteilen wir unseren Müll. Und wenn man dann in Böblingen am Sonnabendvormittag auf den Wertstoff-Hof geht, dann sieht man die Leute mit ihren Kombis, wie sie begeistert ihren Müll verteilen und natürlich auch darauf achten, dass der Nachbar das auch richtig verteilt. Wir sind also gut im Umweltschutz, und wir lieben ihn. Und es lohnt sich.
Wir hinterlassen unseren Kindern heute, und ich segele dort schon seit 1962, einen klareren Bodensee als wir vorgefunden haben. Wir hinterlassen unseren Kindern einen saubereren Neckar, als wir vorgefunden haben, übrigens, trotz Lothar, auch mehr Wälder. Wir strengen uns also an, um für unsere Kinder was zu tun.
Und hier kommt der Punkt, den ich machen will: Wir praktizieren die Nachhaltigkeit beim Umweltschutz. Aber wieso eigentlich nur beim Umweltschutz? Wieso hinterlassen wir schon seit Jahrzehnten unseren Kindern Jahr für Jahr höhere Schulden, steigende Zinszahlungen? Wieso marode Sozialversicherungssysteme, von denen wir genau wissen, dass sie den Älteren vielleicht gerade noch nützen, aber von denen wir heute schon wissen, dass sie den Kindern nicht mehr helfen? Warum ist die Entwicklung des Bundeshaushalts seit Jahrzehnten (übrigens auchohne die Effekte der Wiedervereinigung stimmt diese Aussage) so, dass wir Jahr für Jahr mehr für Zinsen ausgeben, also für die heutige Wählergeneration, mehr für Kredite, die wir aufgenommen haben, damit es den heutigen Wählern gut geht, Jahr für Jahr mehr für Soziales, damit die Politiker sich bei den heutigen Wählern profilieren können, aber Jahr für Jahr weniger für Investitionen? Nicht nur für Autobahnen, Bundesbahn oder Brücken, auch weniger für Investitionen in die Bildungsinstitutionen unseres Landes! Diese Sozialpolitik ist doch alles andere als nachhaltig. Und ich finde, man sollte mal den Gedanken der Notwendigkeit der Nachhaltigkeit nicht nur im Umweltschutz, sondern in allen Politikbereichen einbringen. Und wenn Sie das tun, dann kriegen Sie interessante Reaktionen von den Politikern. Dann haben Sie die zahlreichen Gutmenschen, die Gleichmacher und die vielen Sozialpopulisten buchstäblich in der Ecke. Dann können diese plötzlich nicht mehr sagen, „aber Herr Henkel, Ihre Vorschläge sind ja so sozialfeindlich.“ Oder das, was die wirtschaftswissenschaftlichen Institute regelmäßig empfehlen, als "sozial unverträglich" oder "unvermittelbar" abtun.
Ich finde, wenn man mit dem Interesse nachfolgender Generationen argumentiert, kann man auch eine Bereitschaft bei den Wählern für diese Reform generieren, genauso wie wir das beim Umweltschutz geschafft haben. Und deshalb sollten wir uns alle für das Prinzip der Nachhaltigkeit für diese Gesellschaft einsetzen. Nicht nur beim Umweltschutz, überall in der Politik. Nur dann werden wir oder bleiben wir, wie immer man unsere Position heute einschätzt, eine wettbewerbsfähige Gesellschaft. Lassen Sie mich mit einem kleinen Beispiel schließen. Was zum Thema Nachhaltigkeit auch ein bisschen passt. Ich hatte Ihnen vorhin in einem Nebensatz von Roman Herzog erzählt. Für mich einer der herausragenden Bundespräsidenten der Nachkriegszeit. Ein Mann, der immer den Mut gehabt hatte, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unbequem war. Der auch Klartext geredet hat. Der auch seine große Bildungsrede mit einem wunderbaren Satz beendet hat, den ich nie vergessen habe, nämlich, und ich zitiere: “Entlassen wir das Bildungssystem in die Freiheit“. Ein Mann, der sich immer für Wettbewerb eingesetzt hat. Dieser Mann hat in seiner großen Berliner Rede auch eine Vision für die deutsche Gesellschaft gefordert. Nun weiß ich, zu Mittelständlern kann man über Visionen kaum sprechen. Die denken eher: Wenn man eine Vision hat, dann muss man zum Arzt gehen. Und im Stuttgarter Umfeld, da hat man vor allen Dingen, wenn man an ein besonders großes Unternehmen denkt, wahrscheinlich mit Visionen im Augenblick auch nichts mehr im Sinn.
Für die Erarbeitung einer solchen Vision für unser Land haben wir damals eine Arbeitsgruppe zusammengestellt mit 70 Personen aus Wissenschaft, aus der Kultur, aus Politik, auch aus der Wirtschaft. Wir wollten mal eine Vision entwickeln zur Frage, wie wir uns denn Deutschland im Jahre 2010 vorstellen. Und wir haben diese „Vision für ein attraktives Deutschland“ genannt. Wir haben uns in dieser Vision, wenn Sie so wollen, für alles das stark gemacht, was ich hier gerade versucht habe, zu berichten. Allerdings an knackigeren Beispielen. Und vielleicht nicht ganz so kategorisch oder, wenn Sie so wollen, polemisch. Vielleicht auch ein bisschen langweiliger. Diese Arbeit wurde noch in Köln gemacht und der BDI war ja fünfzig Jahre lang in Köln und ist erst jetzt nach Berlin gegangen.
Und deshalb möchte ich mit dieser alten Kölner Geschichte schließen, und die, wie ich finde, zu dieser Frage nach der Vision von unserem ehemaligenBundespräsidenten gut passt, und auch zu unserer Vision einer wettbewerbsfähigen Gesellschaft.
Diese Geschichte handelt im letzten Jahrhundert. Auf einem großen Kölner Marktplatz kommt ein Fremder in die Stadt und sieht drei Steinmetze bei der Arbeit. Was ihm auffällt, ist, der erste, der ist ganz frohgemut bei der Arbeit. Der zweite, der guckt neutral, und der dritte ist anscheinend stocksauer. Der dritte, der macht offensichtlich ganz schlechte Arbeit, der mittlere, der macht, na ja, das was man in der DDR früher die Norm nannte, und derjenige, der so positiv und fröhlich war, der machte offensichtlich ganz tolle Arbeit.
Er fragt zuerst denjenigen, der so griesgrämig guckt: „Was machst Du da?“ Da sagte er: „Ach, ich verdiene hier mein Brot.“ Dann fragte er den zweiten, den „Neutralen“. „Und was machst Du?“ Und der sagte: „Ach, Sie sehen doch, ich behaue einen Stein.“ Schließlich ging er zum dritten, der so fröhlich bei der Arbeit war und offensichtlich so gut arbeitete: „Und was machst Du?“
Der antwortete: „Mein Herr, ich arbeite am Kölner Dom.“
Meine Damen und Herren, helfen Sie alle mit, am Kölner Dom zu arbeiten!
Für die Vision einer wettbewerbsfähigen Gesellschaft!
Ich danke Ihnen.