Berufsbild Redenschreiber/in


Erstellt und herausgegeben vom
Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS)

Ausgabe II / 2006

Im vorgelegten Berufsbild wird aus sprachpraktischen und sprachökonomischen Gründen auf eine durchgängige Movierung des Begriffs „Redenschreiber“ verzichtet wie auch auf eine Schreibung mit großem I im Wortinneren, weil sie nicht den deutschen Rechtschreibregeln entspricht. Nicht moviert wird aus gleichen Gründen auch der Begriff „Redner“.

Selbstverständlich lehnen die Autoren eine Diskriminierung von weiblichen oder männlichen Redenschreibern ab, die auch nicht durch die maskuline Verwendung beider Worte beabsichtigt ist.

Die im „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache“ (VRdS) zusammengeschlossenen Redenschreiberinnen und Redenschreiber haben das Thema einer „Feminisierung“ des Verbandsnamens auf einer Mitgliederversammlung im November 1999 ausführlich diskutiert und ad acta gelegt.

 

Redenschreiber/in – ein Berufsbild

Inhalt:

  1. Einleitung
    Redenschreiber – ein Beruf mit Perspektiven
  2. Definition
    Was tun Redenschreiber?
    • Definition der Tätigkeit
    • Tätigkeitsfelder
  3. Kriterien qualitativer Arbeit
    Durch die Rede spricht die Persönlichkeit
    • Jede Rede ein individuelles Werk
    • Oberstes Ziel: Angemessenheit
  4. Ausbildung und Werdegänge
    Viele Wege führen zum Ziel
    • Redenschreiber – grundsätzlich ein freier Beruf
    • Intellekt und Reife sind ein wichtiges Betriebskapital
    • Wie und wo eignet man sich die Qualifikationen an?
    • Perspektiven des Berufs
  5. Vergütung
    Kreativ-geistige Arbeit hat ihren Preis
    • Honorare freiberuflicher Redenschreiber
    • Angestellte Redenschreiber als Mitglied des Führungsteams
  6. Berufsständische Vereinigung
    Hohe Redekultur braucht ihre Pflege
    • Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) als Sprecher berufsständischer Interessen und Mentor der Redekultur im deutschsprachigen Raum
    • Ehrenrat
  7. Ethos und Selbstverpflichtung
    Am Anfang war das Wort...
    • Macht und Wirkung des freien Wortes
    • Bekenntnis zu demokratischen Werten und zur Humanitas
    • Redenschreiber und ihre Auftraggeber – Versuch einer Selbstverpflichtung professioneller Redenschreiber
  8. Impressum

 

1. Einleitung

Redenschreiber/in – ein Beruf mit Perspektiven

Kommunikation durchwirkt und gestaltet das menschliche Zusammenleben. Ob in Politik oder Wirtschaft, Gesellschaft oder Kultur: Das gesprochene Wort hat unter allen Medien der Kommunikation eine vorrangige Bedeutung. Wer redet, führt. Wer mit dem Wort Köpfe und Herzen gewinnt, öffnet die Tür zum Erfolg. Darum wird in offenen, demokratischen Gesellschaften die Redekunst besonders geachtet.

Gute Redner wissen um die Bedeutsamkeit ihres Auftritts. Sie legen deswegen Wert auf eine wirkungsvoll konzipierte und formulierte Rede. Nicht immer – und immer weniger – sind sie selbst der Verfasser ihrer Rede. In angelsächsischen Ländern verbreitet ist der Beruf des Redenschreibers, für den sich auch im deutschsprachigen Raum eine wachsende Zahl von Frauen und Männern entschieden haben, die ihn freiberuflich, beamtet oder als Angestellte ausüben. Es ist ein Beruf mit spannenden Perspektiven.

Was machen Redenschreiber, welchem Ethos sind sie verpflichtet, was zeichnet ihre Arbeit aus, wie „erlernt“ man diesen Beruf, welche Chancen hat man als Redenschreiber am „Markt“, wie wird die Leistung vergütet, woran erkennt man „schwarze Schafe“? – auf diese Fragen gibt das vorliegende „Berufsbild Redenschreiber“ Antworten. Es wurde vom VRdS erarbeitet, der ersten berufsständischen Vereinigung von Redenschreibern im deutschsprachigen Raum. Es soll in allen Lebensbereichen Interesse an diesem Beruf wecken und begabten Frauen und Männern – nicht nur jungen – neue Wege bei der Berufswahl weisen. Zudem soll es allen, die in ihrer Rednertätigkeit professionelle Beratung suchen, eine Vorstellung von der Leistungsfähigkeit dieses Berufes geben.

Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) – tätig in Deutschland, Österreich und der Schweiz – steht zu weiterführenden Auskünften und Gesprächen gerne zur Verfügung. Adressen entnehmen Sie bitte dem Impressum.

2. Definition

Was tun Redenschreiber/innen?

Redenschreiber entwerfen und verfassen Reden im Auftrag Dritter. Je nach Aufgabe bereiten sie auch Präsentationen vor, beraten Rednerinnen und Redner bei ihren Auftritten, schreiben Texte und Bücher – hauptberuflich oder nebenberuflich, als Angestellte, Beamte oder Freiberufler.

Aufgabe des Redenschreibers ist die Umsetzung der vom Redner gewünschten Inhalte und Gedanken in einen überzeugenden Redetext. Da Rede zielgerichtetes Vortragen ist, fällt dem Redenschreiber zugleich die Rolle eines Strategen zu. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, mit welchen sprachlichen Mitteln und kommunikationspsychologischen Strategien sich die Ziele des Redners am besten erreichen lassen. Zu berücksichtigen sind hierbei die Fragen der Angemessenheit (Kapitel 3) und der Ethik (Kapitel 7).

Eine Rede muß immer die „Rede des Redners“ sein. Ein „Ghostwriter“, wie Redenschreiber gelegentlich genannt werden, ist demnach keine verborgene Macht im Hintergrund, sondern ein Übersetzer und Mittler der Gedanken des Redners. Gleichwohl muß der Redenschreiber mehr sein als ein bloßer Erfüllungsgehilfe, um seinem Auftrag gerecht zu werden. Er unterstützt und berät den Redner bei der Vorbereitung der Redeinhalte, bietet das eigene Wissen an und äußert auch kritische Einwände, wo es inhaltlich oder ethisch angezeigt ist. Vor allem unterstützt der Redenschreiber den Redner dabei, aus seinen Gedanken und Absichten die Botschaft seiner Ansprache zu destillieren, also jenen roten Faden herauszuarbeiten, der wie ein Kompaß der ganzen Rede Richtung und Sinn gibt.

Die Nähe des Redners suchen

Um dies leisten zu können, brauchen Redenschreiber den freien Zugang zu Ihrem Redner. Im direkten Austausch und in einer offenen Arbeitsatmosphäre kann der Redenschreiber seine Tätigkeit am erfolgreichsten ausführen. Beim Redenschreiber laufen idealerweise alle Informationen zusammen – die Ideen des Redners selbst, Fakten der Recherche, Stellungnahmen aus Fachabteilungen, Pressestellen etc. Wird der Redenschreiber in dieser Weise eingebunden, so kann er seiner Aufgabe als „Sprechstratege“ am besten gerecht werden. Er verhindert so, daß Reden zu einem in Prosa gegossenen Organigramm des Unternehmens oder der Behörde des Redners werden, weil sich gerne möglichst viele Fachleute in seinem Text wiederfinden möchten. Billigt man dem Redenschreiber die Rolle eines „Projektleiters“ des Redevorhabens zu, dann ergibt dies die besten Resultate.

Eine Festanstellung eines Redenschreibers bzw. eine längerfristige Zusammenarbeit mit ihm hat den Vorteil, daß er Entwicklungen verfolgen kann, Themen fortschreibt und Argumentationen im Sinne eines „issue managements“ oder „agenda settings“ für seinen Auftraggeber erarbeitet. Ein professioneller Redenschreiber befaßt sich ohnehin fortwährend mit aktuellen Tendenzen des gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Die Lektüre mehrerer Tageszeitungen ist hierfür ebenso notwendig wie die das Lesen aktueller Literatur zu relevanten Themen.

Ein Redenschreiber darf gegenüber kulturellen und philosophischen Fragen ebensowenig Abneigung verspüren wie gegenüber „Boulevardthemen“. Ein ständig gepflegtes Basiswissen über alle Bereiche des öffentlichen Lebens gehört zum Fundus jedes Redenschreibers.

Die „Festen“...

Redenschreiber befinden sich sowohl in Festanstellung als auch in freiberuflicher Tätigkeit.

Unternehmen und Behörden beschäftigen festgestellte Redenschreiber in unterschiedlichen Bereichen: Sie sind in der Regel der Konzernkommunikation, der Konzernstrategie oder einzelnen Fachabteilungen (z.B. Marketing) wie auch dem persönlichen Stab/Büro der Führungskraft zugeordnet, für die sie schreiben. Gerade die persönliche Zuordnung zum Redner ist aus fachlicher Sicht und praktischer Erfahrung am sinnvollsten. Als „direct report“ (direkt Berichtender) lernt der Redenschreiber den Redner, dessen Denken und Wesensart am unmittelbarsten kennen. Nach Erfahrungen des VRdS erbringt eine derartige Eingliederung die besten Resultate für die Praxis.

In den seltensten Fällen sind Redenschreiber ausschließlich für die Tätigkeit des Redenschreibens eingestellt, oft ist das Redenschreiben Teil eines erweiterten Aufgabenspektrums, wie z.B. Funktionen der Öffentlichkeitsarbeit oder das Bearbeiten von Korrespondenz sowie allgemeine Referententätigkeiten.

...und die „Freien“

Die Zahl der freiberuflichen Redenschreiber nimmt zwar kontinuierlich zu, vom Redenschreiben allein können allerdings die wenigsten leben. Erschwerend für die Auftragsakquisition ist die geringe Bekanntheit des Berufes wie auch die Schwierigkeit, in geeigneter Form dafür zu werben. Zufriedene Kunden schweigen sich in der Regel über die Dienste ihres Redenschreibers aus. Auftraggeber haben häufig auch Unsicherheit und manchmal auch mangelndes Verständnis bezüglich der Frage der Honorierung von Leistungen eines Redenschreibers (s. Honorarempfehlungen des VRdS). Freiberuflichen Redenschreibern wird daher geraten, weitere berufliche Standbeine zu entwickeln wie Kommunikationsberatung, Pressebüro oder Textagentur.

Während freiberufliche Redenschreiber häufiger für Festreden und Reden zu kleineren Anlässen verpflichtet werden, sind Redenschreiber in Festanstellung in der Regel mit dem Verfassen gewichtigerer Ausführungen bedeutender Persönlichkeiten oder Unternehmen betraut. Festangestellte entwickeln dabei vielfach ein Spezialistentum zu bestimmten Themen, während Freiberufler als Generalisten oft mit bemerkenswerten Schlußfolgerungen Redner und Publikum erfreuen. Beiden – festangestellten wie freiberuflichen Redenschreibern – empfiehlt der VRdS, ein eigenes Profil herauszuarbeiten und Wissensgebiete, in denen ihre Stärken liegen, zu kultivieren und zu Markte zu tragen.

3. Kriterien qualitativer Arbeit

Durch die Rede spricht die Persönlichkeit

Ein Redenschreiber ist ein „Sprechstratege“, der die Fähigkeit besitzt, die Ziele des Redners in eine persönlich geprägte Sprache zu kleiden, die es dem Redner ermöglicht, seine Anliegen beim Publikum wirkungsvoll und nicht ohne Emotionen zur Resonanz zu bringen.

Der Verfasser einer Rede bezweckt nicht primär eine „schöne“ und kreative „Schreibe“. Denn das Verfassen einer Rede ist nicht vergleichbar mit dem Verfassen von Prosa und Lyrik. Redenschreiben unterscheidet sich auch vehement vom Verfassen von Artikeln und Fachvorträgen.

Der Redenschreiber geht davon aus, daß seine Reden eine bestimmte Wirkung erzielen sollen – z.B. überzeugen, motivieren, informieren. Daher hat er bestimmte Grundprinzipien zu beachten:

Angemessenheit

Unter Angemessenheit (aptum) ist zu verstehen, daß die Rede allen Rahmenbedingungen in der Weise gerecht wird, daß der vom Redner gewünschte persuasive Redeerfolg eintreten kann. Die Rahmenbedingungen sind dabei u.a.: Die Persönlichkeit des Redners, der Redegegenstand, Argumente, die Zusammensetzung des Publikums, historische Gegebenheiten, Ort, Tageszeit, Bühnengestaltung etc.

Gleich einem Schauspieler, der verschiedene Rollen in seinem Repertoire hat, muß der Redenschreiber seinen eigenen Stil dem Prinzip der Angemessenheit unterordnen. Ein Redenschreiber besitzt die Fähigkeit, den eigenen Schreibstil allen denkbaren Rednern und Redesituationen anpassen zu können. Stil ist für den Redenschreiber somit keine geschmäcklerische Frage, sondern eine Angelegenheit von taktischer Bedeutung.

Hieraus ergibt sich: Jede Rede ist ein Unikat. Nur ein Unikat wird dem Anspruch der Angemessenheit gerecht. Anbieter von Reden aus Bausteinsystemen fallen daher ebenso wenig unter das Berufbild des Redenschreiber, wie jene, die auf gründliche Vorgespräche verzichten und/oder ihre Reden lediglich als Ausdruck ihres freien künstlerischen Schaffens verstehen, welcher allein ästhetischen Ansprüchen genügen muß.

Zum Publikum reden, nicht zur Sache

Reden aus der Feder professioneller Redenschreiber haben den Vorzug, angemessen und maßgeschneidert zu sein, folglich persuasiv und zielführend. Aus ihnen spricht dank der stilistischen Wandelbarkeit des Redenschreibers die Persönlichkeit des Redners in einer durch den Redenschreiber akzentuierten und klaren Weise. Persuasion gelingt nur dem, der zum Publikum spricht und nicht zur Sache. Redenschreiber verfügen daher über ein großes Einfühlungsvermögen und emotionales Fingerspitzengefühl.

Grundsätzlich gilt, daß es für einen Redenschreiber kein „richtig“ oder „falsch“ geben kann, sondern nur ein angemessen oder unangemessen (zu den ethischen Implikationen s. Kap. 7). Gleichwohl achtet der Redenschreiber stets auf argumentative Klarheit, eine stringente Sprache mit kurzen Sätzen, logische Übergänge und Satzverbindungen sowie eine im Rahmen der jeweiligen Angemessenheit möglichst einfache, lebhafte, anschauliche und unterhaltsame Sprache. In gewisser Weise stellt die Tätigkeit des Redenschreibers ein Paradoxon dar. Denn: Eine Rede ist keine Schreibe, sondern niedergeschriebenes auszusprechendes Wort.

4. Ausbildung und Werdegänge

Viele Wege führen zum Ziel

Der Beruf des/der Redenschreiber/in ist grundsätzlich ein freier Beruf. Wenn dieser Beruf Intellekt und Reife voraussetzt, so gibt es für ihn dennoch keine bindenden Eingangsprüfungen. Gleichwohl setzt er Fähigkeiten und Fertigkeiten voraus, die ein Redenschreiber sich angeeignet haben muß. Anderenfalls sind ein dauerhafter Erfolg und berufliche Erfüllung nicht erreichbar. Ausdauer ist angebracht, da die Aussichten für Redenschreiber in einer arbeitsteiligen und auf Effizienz zielenden Welt zwar besser werden, eine auskömmliche Existenz aber nur schwer zu erkämpfen ist.

Der Beruf des Redenschreibers ist in seinen Grundelementen mit dem des Journalisten vergleichbar – er basiert auf Talent, Urteilskraft, Leidenschaft zur Mitteilung, Liebe zur Sprache und auf Überzeugungskraft. Redenschreiben ist Berufung und als Beruf völlig frei – im Zugang wie auch in seiner Ausübung.

Ein Studium ist ebensowenig Voraussetzung wie eine abgeschlossene Berufsausbildung. Allerdings wird ein ernsthafter Berufseinsteiger ohne beides seinen Weg als Redenschreiber kaum gehen können.

Lebenserfahrung und menschliche Reife ist nicht in einem Blitzkurs zu erlernen. Beides will erworben sein, was man ohne fachliche und berufliche Bewährung wohl kaum erreicht. Gerade deshalb bietet der Beruf des Redenschreibers auch Perspektiven für Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter.

Talentierten Interessenten bieten sich eine kleine Zahl qualifizierter Akademien für Redenschreiber an. Dort wird das handwerkliche Können unterrichtet und in praktischen Eigenübungen trainiert. Über solche kommerziellen Einrichtungen gibt die Webseite des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache Auskunft (www.vrds.de). Der VRdS bietet eigene Fortbildungsmaßnahmen an, die allerdings in der Regel auf vorhandene Fähigkeiten der Kursteilnehmer aufbauen.

Folgende Studienfächer bieten ausgezeichnete Grundlagen für das Redenschreiben:

  • Allgemeine Rhetorik
  • Kommunikationswissenschaft
  • Psychologie/ Soziologie
  • Allgemeine Sprachwissenschaft
  • Theologie
  • Jura

Germanistik, Literaturwissenschaft u.ä. sind entgegen landläufigen Vorstellungen weniger geeignet, da sie sich lediglich passiv-konsumierend mit Literatur/Texten beschäftigen und nicht mit den Techniken ihrer Produktion. Ein Vergleich möge dies verdeutlichen: Ein Studium der Kunstwissenschaften verleiht nicht unbedingt die Fähigkeit zum Malen.

Es ist daher sinnvoll, firm in einem Fach zu sein, welches Wissen über die Hintergründe der menschlichen Kommunikation vermittelt, Einblicke in die Bewegbarkeit der menschlichen Psyche verschafft, analytisches Denken lehrt oder einem induktive und deduktive Beweisführungen näher bringt

Das Schreiben als Handwerk muß der Interessent als Talent mitbringen und durch stetiges Üben verfeinern. Freude an der Literatur und am Umgang mit der Sprache ist eine nützliche aber bei weitem keine hinlängliche Qualifikation.

Nochmals: Man muß nicht studiert haben, um ein überzeugender Redenschreiber zu werden, aber ein Studium wird die Berufsausübung ungemein erleichtern.

5. Vergütung

Kreativ-geistige Arbeit hat ihren Preis

Der Beruf des Redenschreibers ist in Deutschland (im Gegensatz zu den USA) eine junge Profession. Einen fest etablierten Markt für das Redenschreiben gibt es noch nicht. Deswegen gibt es auch keine durch Erfahrung und Gebrauch erhärtete Honorarstruktur. Kreativ-geistige Arbeit hat jedoch ihren Preis. Dieser muß der Qualität der Arbeit entsprechen und wird einen gewissen Rahmen nicht unterschreiten.

Die Arbeit eines Redenschreibers ist teils mit erheblichem Aufwand verbunden. Sie setzt außerdem Ausbildung und Fähigkeiten voraus; Redenschreiber leben zudem nicht von Luft und Idealismus allein. Sie haben – wie andere Berufstätige auch – Steuern und Abgaben zu entrichten, ein Büro zu unterhalten und Altersvorsorge zu treffen. Allerdings gelten auch für diesen freien Beruf die Gesetze des Marktes, also von Angebot und Nachfrage. Freiberufler sind oft erheblichen Nachfrageschwankungen ausgesetzt.

Honorarempfehlung des VRdS

Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) hat die Honorarfrage für freiberuflich tätige Redenschreiber einer intensiven Untersuchung unterzogen. An der Diskussion waren viele Mitglieder des Verbandes beteiligt. Als Ergebnis empfiehlt der VRdS folgende Preisstaffelung auf Vollkostenbasis (sowohl für Geschäfts- und Privatkunden):

Redezeit:
10 Minuten
700€ - 1.250 €
30 Minuten
2.100€ - 3.750 €
45 Minuten
3.150€ - 5.625 €

(Stand 2005)

Der Verband weist darauf hin: Gibt der Auftraggeber keine eindeutigen Vorgaben für die Redelänge, entsteht für den Redenschreiber leicht die Interessenlage, die Rede in die Länge zu ziehen. Prinzipiell gilt jedoch: die kurze Rede ist der langen vorzuziehen. Deswegen empfiehlt der VRdS, von Anfang an ein Festhonorar zu verabreden, das auch Nachbesserungen, Korrekturen und ähnliches mit umfaßt. Auf diese Weise entsteht ein Höchstmaß an Kalkulationssicherheit für beide Seiten.

Bei der Kalkulation wird ein Redenschreiber eine Gewichtung vornehmen. Der Preis einer Rede setzt sich aus drei Elementen zusammen:

A aus der Rede selbst
B aus der Bedeutung der Rede für den Redner
C aus der Qualität des Redenschreibers

Diese Faktoren machen etwa jeweils ein Drittel des Wertes einer Rede aus.

Zu Preisfaktor A) „Rede“ gehören:

  • Der Schwierigkeitsgrad der Rede. Je spezieller und "ausgefallener" der Redeinhalt ist, desto schwieriger wird sie.

    Relativ leicht zum Beispiel: Eine Begrüßung.
    Relativ schwierig: Rede zum Buchbinden mit Polyurethan
  • Länge der Rede. Ein professioneller Redenschreiber wird keine vertraglichen Anreize geben, die im Ergebnis eine Ermutigung zur Verlängerung der Rede darstellen. Eine Rede von über 30 Minuten Dauer sollte die extreme Ausnahme sein.
  • Länge der Vorbereitungszeit. Erfahrungswert: eine Redeminute erfordert im Schnitt eine Stunde Arbeit.
  • Rechercheanteil. Je besser das vorbereitete Material, das der Auftraggeber dem Redenschreiber zustellt, desto preiswerter kann die Rede sein.
  • Rechercheschwierigkeit. Muß der Redenschreiber außerhalb seines Arbeitsplatzes recherchieren, zum Beispiel in einer Universitätsbibliothek, wird die Rede teurer.
  • Korrekturen. Veränderungen der Redesituation nach Fertigstellung des Manuskriptes verteuern die Rede.
  • Beratungsanteil. Damit steigt der Wert der Rede, etwa durch Beratung über strategische Behandlung bestimmter Redegegenstände oder protokollarische Beratung, etwa bei der Anrede.

Zu Preisfaktor B) „Bedeutung der Rede für den Redner“

  • Wiederholbarkeit der Rede bei ähnlichen Anlässen verteuert die Rede.
  • Bedeutung der Rede. Eine Strategierede hat eine höhere Bedeutung als ein Grußwort, die Hauptrede eine höhere als ein Debattenbeitrag.
  • Zahl der Zuhörer. Privater oder geschäftlicher Charakter der Rede?
  • Position des Redners. Für eine Chefrede ist ein höheres Honorar angemessen als für die Rede eines Mitarbeiters.

Zu Preisfaktor C) „Qualität des Redenschreibers“

  • Die Qualität des Verfassers ergibt sich weitgehend aus Berufs- und Lebenserfahrungen.
  • Ein Redenschreiber mit über fünfjähriger Berufserfahrung kann als erfahren, über zehn Jahre Berufserfahrung als sehr erfahren gelten.

Den oben genannten Preisempfehlungen liegen darüber hinaus folgende Erfahrungswerte aus vergleichbaren Berufen vor:

1. Unternehmensberater. Die Tagessätze für Beratungsleistungen für kleine und mittelgroße Unternehmen liegen zur Zeit zwischen 1000 und 1800 Euro, das entspricht einem Stundensatz zwischen 125 und 225 Euro.

2. Honorarumfragen der deutschen Public Relations Gesellschaft weisen aus: die Stundensätze für die "PR-Chefberatung" liegen zwischen 125 und 240 Euro; für "PR-Juniorberater" zwischen 70 und 100 Euro.

3. Werbeagenturen. In deren "Etat-Kalkulator" wird ein Satz von 225 Euro pro Seite angegeben.

4. Tarifvertrag Design. Er sieht für die Preisfindung eine Kombination aus Entwurfs- und Nutzungsvergütung vor. Dabei wird die Nutzungsvergütung nach räumlichen (lokal, regional, national, weltweit), zeitlichen (kurzfristig, 5 Jahre, 10 Jahre, unbegrenzt) und inhaltlichen (regelt das Recht der Weitergabe der Nutzungsrechte an Dritte) Faktoren gegliedert. Die Entwurfsvergütung wird mit Faktor 1 angesetzt. Die Nutzungsvergütung wird in vier Kategorien aufgeteilt: minimale, mittlere, umfangreiche und maximale Nutzung. Sie werden mit dem Faktor 0,1 bis 5,0 angesetzt.

Beispiel:

Einfache Rede mit mittlerer Nutzung: Entwurfsvergütung (Faktor 1) + Nutzungswert - räumlich: regional (Faktor 0,2) + Nutzungswert - zeitlich: 5 Jahre (Faktor 0,3) + Nutzungswert - inhaltlich: ohne das Recht der Weitergabe an Dritte (Faktor 0,7)

Summe: Faktor 2,2 multipliziert mit einem Stundensatz von z. B. 60 Euro/Stunde = 132 Euro/Stunde.

Der Tarifvertrag Design enthält auch Angaben über den Zeitaufwand pro Manuskriptseite: Geringer Aufwand drei Stunden pro Seite; höherer Aufwand acht Stunden pro Seite.

Bei einer Rede mit mittlerer Nutzung ergeben sich daraus folgende Preise pro Manuskriptseite:

Geringer Aufwand 3 x 125 Euro = 375 Euro

Höherer Aufwand 8 x 125 Euro = 1000 Euro.

 

Einflußgrößen des Marktes

Ein Redenschreiber muß sich darüber im Klaren sein, daß der Markt seine eigene Gesetzlichkeit hat. Die Elastizität der Nachfrage ist hoch.

Ein großer Konzern erwartet hohe Qualität, ist aber auch eher in der Lage, einen höheren Preis zu bezahlen. Ein Start-up Unternehmen hingegen erwartet ebenfalls hohe Qualität, kann aber für die nachgefragte Leistung nicht den gleichen Honorarsatz erübrigen. Ähnliches gilt für den Privatkunden. Nicht jeder Brautvater ist bereit, 700 Euro für eine Tischrede zu zahlen. In beiden Fällen liegt es im Ermessen des Redenschreibers (der sein eigener Unternehmer ist), was ihm die Akquisition oder Treue eines Kunden wert ist. Er sollte den fairen Preis fordern, kann dann durchaus einen Nachlaß gewähren. Immer aber sollte deutlich werden, was die erbrachte Leistung tatsächlich kostet und wert ist.

Dumping Preise für unechte Leistung

Das Honorar in einer Markterschließungsphase ist sicherlich ein anderes (niedrigeres) als in einer späteren Phase, bei dem der Redenschreiber einen festen Kundenkreis hat und auch der Faktor Zeit zum Zeitpunkt der Auftragserteilung eine Rolle spielt. Auch die Erfahrung und das know how sind, wie dargelegt, sehr wichtig. Darin unterscheidet sich das „Produkt“ Rede kaum von einem Mittelklassewagen, der bei einem Fabrikat der Weltklasse ohne weiteres € 53.000 oder bei einem Produzenten aus Fernost eben € 25.000 kosten kann. Dumping Preise für „Redebausteine“ allerdings erfüllen weder den qualitativen Anspruch eines Redenschreibers noch den eines Kunden, der aufrichtig gegenüber seinem Publikum ist.

Festangestellte Redenschreiber

Redenschreiber in Unternehmen, Verbänden und Gebietskörperschaften werden entsprechend ihres Status’ als Referent oder persönlicher Referent des jeweiligen Leiters vergütet. Spitzenkräfte, die allerdings auch Büroleiterfunktionen ausfüllen, können in der Wirtschaft durchaus Gehälter in der Größenordnung von € 80.000 bis €100.000 p.a. verdienen.

6. Berufsständische Vereinigung

Redekultur braucht ihre Pflege

Permanentes Lernen, stetige Übung sowie das unablässige, kritische Befassen mit Fragen des Rede- und Sprachstils erst setzen Redenschreiber in den Stand, handwerkliche Sicherheit zu erwerben. Auch die gelegentliche Herausforderung, vor Fachkollegen seine Fähigkeiten zu prüfen, zählt ebenso dazu wie der gegenseitige Austausch von Wissen und Erfahrungen. Denn Redekultur braucht ihre Pflege.

Im Jahre 1998 haben sich Redenschreiber aus allen Bundesländern zu einer berufsständischen Vereinigung zusammengeschlossen. Sie nennen sich „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS)“. Seine Mitglieder arbeiten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Präsident ist Dr. Thilo von Trotha.

Zwei Zielsetzungen

Der VRdS hat sich zwei Ziele gesetzt: Zum einen, die Interessen der deutschsprachigen Redenschreiber wahrzunehmen und sie nach außen zu vertreten. Zum anderen vereint der VRdS alle jene Menschen, die ein idealistisches Interesse am gesprochenen Wort haben.
Zu Jahresende 2005 hat der VRdS 425 Mitglieder. Sie sind entweder als Freiberufler tätig oder als Beamte in Ministerien, Behörden oder Gemeinden wie auch als Angestellte in Unternehmen oder Verbänden. Der VRdS ist zudem offen für alle, die ein Interesse an der Pflege der Redekultur im deutschsprachigen Raum haben.

Die Verbandsarbeit des VRdS ist auf drei Säulen aufgebaut:

Wissen vermitteln
In Seminaren, Workshops und anderen Gesprächsrunden bildet der VRdS seine Mitglieder im Redenschreiben fort. Viele Seminare stehen auch für Nicht-Mitglieder offen.

Netzwerke aufbauen
Über eine umfangreiche Website (www.vrds.de), Veranstaltungen und Veröffentlichungen baut der VRdS ein internes und externes Netzwerk auf: intern zwischen seinen Mitgliedern und extern zwischen ihnen und der Politik, Wirtschaft und Kultur.

Märkte erschließen
Der VRdS fördert in den Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz die öffentliche Diskussion über alle Belange der Redenschreiber mit dem Ziel, den Berufsstand der Redenschreiber im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen. Eine erste Honorarempfehlung ( www.vrds.de) erleichtert die Festlegung einer fairen Entlohnung der Redenschreiber.

Was hat der Verband bewirkt?

Für die Redenschreiber:

Der VRdS hat bei der Gründung vieler Redenschreiberbüros geholfen,

  •  mit einer Honorarempfehlung zur fairen Preisbildung beigetragen,
  •  durch Umfragen die Praxis des Redenschreibens in der Industrie erforscht (Ergebnisse wurden in der Wirtschaftswoche Juni 2001 veröffentlicht), sowie
  •  durch Fortbildung die Qualität des Redenschreibens verbessert.

Für die Redekultur im deutschsprachigen Raum:

  •  Der Freistaat Sachsen hat an seinen Schulen Debattierclubs nach englischen Vorbild eingerichtet,
  •  an vielen Schulen in anderen Bundesländern – vor allem im thüringischen Weimar – wurden Debattierclubs ins Leben gerufen,
  •  die Hertie-Stiftung hat - ohne das Zutun des VRdS – viele Millionen Euro bereit gestellt, um den Bundeswettbewerb „Jugend debattiert“ zu organisieren und zu finanzieren,
  •  an der Universität Salzburg wird der Umgang mit angewandter Rhetorik als Lehrfach angeboten. An deutschen Universitäten wird in diese Richtung gearbeitet.

Für Öffentlichkeiten und Redenschreiber:

  •  Veranstaltung von Kongressen zum „Beruf des Redenschreibers“ (Berlin, 2000), zur „Redeausbildung an den Hochschulen“ (Dresden, 2003) und zum Thema „Sprache und Menschbild“ (Berlin, 2005). Alle Kongresse hatten ein lebhaftes Medienecho.

Welche Nutzen haben Mitglieder?

Kontakte
Die Mitglieder des VRdS können das weit gespannte Netz des Verbandes nutzen, um mit Kolleginnen und Kollegen sowie anerkannten Experten ihres Faches zusammenzuarbeiten und sich über aktuelle Trends, Tipps sowie berufliche Chancen auszutauschen.

Know-how
VRdS-Mitglieder haben die Möglichkeit, sich intern aus- und fortzubilden - zu sehr günstigen Bedingungen. Unter www.vrds.de sowie in Seminaren und Tagungen können sie schnell und unkompliziert Anregungen über das neueste handwerkliche Wissen bekommen.

Jobs und Aufträge
Gelegentlich suchen Einzelpersonen, Unternehmen oder Verbände über den Verband einen Redenschreiber oder schreiben feste Stellen aus. Alle Mitglieder können mit den Auftraggebern direkt in Verbindung treten und ihre Chancen ausloten.

 

Wer sind die VRdS-Mitglieder und wer kann Mitglied werden?

Die Mitglieder des Verbandes kommen aus allen Sparten von Wirtschaft und Verwaltung bzw. sind Freiberufler. Im Schwerpunkt handelt es sich sowohl um die Redenschreiberinnen und Redenschreiber aus Bundesministerien, Konzernspitzen, Spitzenverbänden sowie Gebietskörperschaften.
Jeder, der Redenschreiber ist oder werden will, die Anliegen der Redenschreiber unterstützen und die Verbesserung der Redekultur in Deutschland fördern will, ist als Mitglied im Verband willkommen.

Ehrenrat

Wird einem Mitglied des Verbandes in Ausübung seines Redenschreiberberufs ein Verstoß gegen das Ethos des Berufsstandes (s. Kapitel 7 des Berufsbildes) vorgeworfen, so kann der Ehrenrat des VRdS angerufen werden. Der Rat befaßt sich nicht mit Einzelfragen von Honoraren, die ausschließlich Verhandlungssache zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sind, wohl aber mit berufsschädigendem Verhalten. Der Ehrenrat kann bei groben Verstößen eine Rüge aussprechen oder Verbandsausschluß beantragen.
Dieser Text muß noch in einer VRdS-Mitgliederversammlung debattiert und beschlossen werden.

7. Ethos und Selbstverpflichtung

Am Anfang war das Wort...

Eine Ethik für Redenschreiber ist sinnvoll. Denn die Praktiker des Berufs tragen für die Wirkung der von Ihnen verfaßten Manuskripte eine hohe Verantwortung. Reden können die öffentliche Meinung beeinflussen, gesellschaftliche Entwicklungen in Gang setzen oder verändern. Welche dramatischen Wirkungen Reden haben können, belegen zahlreiche historische Beispiele. Eine Rede kann bereichern; sie kann auch zerstören, indem sie Menschen mit Scheinargumenten manipuliert oder durch Demagogie zu Verhalten oder Denken verleitet, das sie unter sorgfältiger Abwägung der Tatsachen nicht gezeigt hätten. Der Redenschreiber verantwortet, wie eine Rede sich gesellschaftlich, wirtschaftlich oder historisch entfaltet. Dieser Verantwortung wird er sich nicht entledigen können.

Redenschreiber brauchen ethische Grundregeln, um trotz wirtschaftlicher und existentieller Abhängigkeit ihrer Verantwortung gerecht werden zu können. Nicht zuletzt auch, weil andere Redenschreiber guten und mutigen Beispielen folgen würden.

Gegenüber verschiedenen Zielgruppen tragen Redenschreiber Verantwortung:

1. Gegenüber dem Redner
2. Gegenüber dem Publikum
3. Gegenüber Multiplikatoren (Journalisten, Öffentliche Meinungsbildner, Wissenschaft, Minderheiten usw.)

1. Ethische Grundregeln im Verhältnis des Redenschreibers zum Redner

Der Redenschreiber ist dem Redner gegenüber verpflichtet, ihm ein Manuskript nach den „Prinzipien der Guten Rede“ zu liefern. Diese Prinzipien gewährleisten, daß der Redner mit seinen Botschaften sein Publikum erreicht und daß Persönlichkeit und Fachkompetenz/Glaubwürdigkeit des Redners transportiert werden.

Zu jenen Regeln gehören vor allem

  • Klarheit und Wahrhaftigkeit der Botschaften
  • Ehrlichkeit, Redlichkeit und Verständlichkeit bei der Aufbereitung des Inhalts
  • Kein Verbiegen der Persönlichkeit des Redners
  • Zuschneiden bzw. Abstimmung der Interessen des Redners und des Publikums an Inhalt und Informationsgrad (keine Inhalte über die Köpfe hinweg)
  • Ein dem Standing des Redners und dem Anlaß angemessene Sprachkultur.

Diese Grundregeln vertiefen und fördern die Wirksamkeit der Rede. Der Redenschreiber ist darüber hinaus der Redekultur verpflichtet, d.h. er soll die Rede als effizientes Instrument der Kommunikation fördern und die Sprachqualität wahren.

Mißachtet ein Redner die Kompetenzen eines qualifizierten Redenschreibers, wird sich das Vertrauensverhältnis zwischen Redner und Redenschreiber der Erfahrung nach mittel- bis langfristig als instabil erweisen. In diesem Fall legen die ethischen Grundregeln die Auflösung des Vertragsverhältnisses nahe.

2. Ethische Grundregeln des Redenschreibers gegenüber dem Publikum

Die Wirksamkeit einer guten Rede hängt davon ab, wie gut sie auf die Merkfähigkeit des Publikums eingeht. Ein Zuhörer muß am Ende einer effizienten Rede in der Lage sein, folgende Fragen zu beantworten; nur dann hat der Redner sein Redeziel erreicht:

  • Welche Botschaft habe ich behalten?
  • Welche Argumentation wurden angesprochen?
  • Welche Informationen kann ich wiedergeben?
  • Wie gut konnte ich dem Redeverlauf folgen?

Die ethische Verantwortung des Redenschreibers besteht daher darin, beim Redner Verständnis für die Bedürfnisse des Publikums zu erzielen. Er muß sein Publikum genauso fürsorglich und ernsthaft umwerben wie seine Auftraggeber, damit deren Botschaften und Redeziele um so besser haften bleiben. Verständnis für die Bedürfnisse des Publikums zu erzeugen, bedeutet ein gutes Gespräch mit dem Auftraggeber zu führen. Ergebnis soll sein, dem Publikum langatmige Ausführungen zu ersparen, gut dosierte und nützliche Information anzubieten, den Inhalt verständlich zu strukturieren und eine abwechslungsreiche Sprache zu wählen.

Folgenden Kriterien fördern die Aufmerksamkeit und die Aufnahmebereitschaft des Publikums:

  • Angemessene Länge der Rede
  • Sprachqualität
  • Vielfalt und Abwechslungsreichtum in der Rede
  • Eindeutig an den Botschaften orientierte Auswahl der notwendigen Information
  • Spannungsbogen der Rede.

Diese Punkte müssen im Beratungsgespräch mit dem Redner angesprochen werden.

Wissenschaftliche Studien haben ergeben, daß eine 10-minütige Länge einer Rede die höchste Wirkung entfaltet.

Die Sprachqualität muß dem Stil des Redners und dem Anlaß angemessen sein. Grundsätzlich verbessern kurze, prägnante Sätze die Wirksamkeit der Rede. Komplizierte Gedankengänge erfordern Sätze, die aus nicht mehr als 9 bis 14 Wörtern bestehen. Dies ist eine intellektuelle Herausforderung für den Redenschreiber, der sehr analytisch mit dem Redestoff umgehen muß.

Vielfalt und Abwechslungsreichtum steigern den Spaß am Zuhören. Der Redenschreiber erzeugt durch den Aufbau von Widersprüchen in der Argumentation, durch den Einsatz von Beispielen und Bildern Anschaulichkeit. Ein abwechslungsreicher Sprechrhythmus erfreut die Zuhörer.

Beim gesprochenen Wort ist die Merkfähigkeit geringer als beim geschriebenen. Deshalb sollte der Redenschreiber seine Argumentation mit nur den notwendigsten Informationen versehen. Die Verantwortung des Redenschreibers gegenüber dem Publikum gebietet es, den Zuhörer nicht zu überlasten, sondern dafür zu sorgen, daß das Wichtigste hängen bleibt.

Spannung ist ein gutes Mittel, damit Zuhörer der Rede bis zum Schluß folgen. Darin entsteht eine weitere ethische Verpflichtung des Redenschreibers: er sollte seine Argumentation und die Redewirkung so aufbauen, daß er Spannung erzielt. Der Zuhörer muß wissen WOLLEN, wie sich Widersprüche lösen und mit welcher Lösung auf schwerste Probleme reagiert wurde. Der Redenschreiber setzt hier seine Kreativität und sein Wissen ein, um dem Publikum gerecht zu werden.

3. Ethische Grundregeln im Verhältnis des Redenschreibers gegenüber Multiplikatoren (Journalisten, Öffentliche Meinungsbildner, Wissenschaft, Minderheiten usw.)

Auch diesen Gruppen gegenüber gelten vorderhand die unter 1. und 2 genannten Grundsätze. Anzumerken ist jedoch auch die ethische Verpflichtung des Redenschreibers gegenüber den gesamtgesellschaftlichen Werten. Sein Beruf kann nur in einem gesellschaftlichen Umfeld existieren, in dem die Freiheit des Gewissens und des Wortes gewährleistet ist. Deshalb sind Redenschreiber in besonderer Weise mitverantwortlich für den Erhalt eines solchen Umfelds.

Die Freiheit des Gewissens kann im Großen wie im Kleinen bedroht sein: Sprache kann Menschen persönlich oder als Gruppe demütigen oder entwerten. Eine solche Sprache kennzeichnet Verhältnisse, in denen Machtunterschiede eine Rolle spielen oder in denen Abhängigkeiten bestehen.

Im Großen ist die Freiheit des Denkens z.B. durch die Einschränkung der freiheitlich demokratischen Grundordnung, durch Korruption und Vorteilsnahme, durch staatliche Eingriffe in unternehmerisches Handeln (oder der Ruf nach solchen Eingriffen), durch Zensur der Meinungsäußerung im Bereich Medien/Presse oder durch Willkür beeinträchtigt. Der Einzelne muß sich frei entfalten dürfen – ohne daß staatliche Apparate oder religiöse Instanzen in seine Gewissensfreiheit eingreifen.

Redenschreiber sollten u. a. auch andere Länder oder andersartige gesellschaftliche Gruppen kritisch betrachten und prüfen, ob diese die Rechte des Individuums hinsichtlich der menschlichen Würde und freien Gewissensentscheidung wahren. Sofern kein Urteil durch eigene Anschauung oder Untersuchung möglich ist, sollte der Redenschreiber sich Urteilen enthalten. Ganz besonders aufgefordert ist der Redenschreiber, sich für gewaltfreie Kommunikation einzusetzen.

Redenschreiber sind gehalten, die freiheitlich demokratische Grundordnung zu verteidigen. Die Demokratie ist trotz vorhandener Schwächen jene Staatsform, deren Funktionieren auf freier Meinungsäußerung beruht und die durch Gewaltenteilung den Einzelnen vor staatlicher Willkür schützt. Damit zählt die Demokratie auch zu den politischen Staatsstrukturen, welche die Wahrung der Menschenrechte am ehesten wahrscheinlich macht – angefangen von der Gewissens- und Religionsfreiheit bis hin zur Versammlungsfreiheit. Dem Redenschreiber sei es ethischer Anspruch, sich für diese Staatsform einzusetzen und sie vor Verunglimpfung zu schützen.
Nur eine ethisch einwandfreie Rede ist eine gute Rede!

8. Impressum

Herausgeber
Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) e.V.

Präsidentin : Minita von Gagern
Haus Combach
D-51491 Overath

Telefon: 02206/3591

Das Berufsbild wurde erarbeitet unter Mitwirkung von Dariush Barsfeld, Dr. Susanne von Garrel, Gerrit Poel, Sybille Schindler und Willi Vogler.









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