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Vor dem Hintergrund der härtesten Tarifauseinandersetzungen
in der Geschichte seines Unternehmens und sicher auch der jüngeren
deutschen Unternehmensgeschichte packte der Vorstandsvorsitzende
der Lufthansa, Dr.Jürgen Weber, am 7. Juni 2001 in Wiesbaden
ein heißes Eisen an: Die globale Tendenz hochbezahlter Spezialisten,
ihren Marktwert gegenüber ihren Arbeitgebern rücksichtslos
geltend zu machen und dabei Nachteile gegenüber anderen Akteuren
bewußt in Kauf zu nehmen. Weber hielt die Eröffnungsrede
vor 1000 Teilnehmern des 9. Kongresses der Deutschen Gesellschaft
für Personalführung.
Anforderungen an das Human Resource Management
Eröffnungsvortrag von Dipl.-Ing. Dr.-Ing. Jürgen
Weber
9. DGFP-Kongress, Wiesbaden, 7. Juni 2001
Sehr geehrter Herr Dr. Böhm, sehr geehrte Damen, meine Herren,
„Menschen schaffen Werte“ So ist es in der
Tat.
Aber welchen Rang hat noch in unserer heutigen Gesellschaft dieser
Zweck wirtschaftlicher Betätigung, den Sie, meine Damen und
Herren auf drei Worte reduziert als Motto Ihrer
Tagung gewählt haben?
Entspricht der Satz eigentlich noch dem Vorsatz, mit dem die
Menschen heutzutage ihrer Arbeit nachgehen? Nämlich Werte
zu schaffen zur Befriedigung von Kundenbedürfnissen, zum
Nutzen einer Volkswirtschaft, eines Unternehmens, das zwangsläufig
eine arbeitsteilige Gemeinschaft darstellt und welches aufgrund
seiner Marktmacht auch den eigenen, persönlichen Lebensunterhalt
sichert.
Oder legen heute Leistungsgesellschaft, die Phänomene hoher
Qualifizierung und Spezialisierung und knapper werdender Humanressourcen
dem einzelnen nicht eine andere, eine individualistische Rangfolge
der Werte nahe?
Eine Priorisierung, bei der ein egozentrischer Wert der
persönliche Marktwert, der Eigennutz an erster Stelle
rangiert. Etwa nach dem Motto: Herausholen, was herauszuholen
ist und nach mir dann die Sintflut?
Dies alles sind Fragen, die sich nicht erst im Verlauf der Tarifauseinandersetzung
mit der Vereinigung Cockpit bei der Lufthansa gestellt haben.
Sie traten hier nur besonders publikumswirksam zutage.
Hochqualifiziertes Spezialistentum und die sogenannte „Marktlage“
waren Triebfeder, 35-prozentige Gehaltssteigerungen zu fordern,
wenngleich es einen Markt für diese Berufsgruppe gar nicht
gibt, da Bestandsschutzklauseln ihn ausgeschlossen hatten.
Die Unerbittlichkeit, mit der verhandelt wurde, hat mir persönlich
zu denken gegeben. Sie erinnert mich an eine Beobachtung, die
ein Wissenschaftler der Universität des Saarlandes im November
vergangenen Jahres in einem Workshop modellgestützter Personalarbeit
zu Protokoll gab:
Er sprach von einem „Kampf an zwei Fronten“, in
dem sich die Unternehmen befänden: Auf der einen Seite die
zunehmend wettbewerbsintensive Marktsituation, in der „der
Kampf um das Erreichen von Gewinn- und Überlebenszielen immer
härter wird.“ Auf der anderen Seite ich zitiere
ebenfalls „ein individuell extrem nutzenmaximierendes
Verhalten (der) Mitarbeiter, deren Zielsystem sich von den Unternehmensinteressen
entkoppelt,“ und dem sich die Unternehmen immer häufiger
ausgesetzt sähen.
Dafür habe sich ein Begriff eingebürgert, der Begriff
vom Darwi-portunismus. Er bezeichnet das Zusammentreffen von darwinistischem
Verdrängungswettbewerb und einem nutzenmaximierenden Opportunismus,
der auch Nachteile gegenüber anderen Akteuren bewußt
in Kauf nimmt.
Noch eine Tendenz ist meiner Beobachtung nach offenbar geworden,
meine Damen und Herren: Der Wettbewerb der Unternehmen ist heute
global. Im Wettbewerb richtet sich der Blick über die Landesgrenzen.
Um im Wettbewerb bestehen zu können, konsolidiert sich die
Wirtschaft auf unterschiedliche Weise durch Allianzen und
teilweise auch durch Fusionen.
Dies verleitet insbesondere hochbezahlte Spezialisten dazu, ihre
individuellen Bedürfnisse ebenfalls zu globalisieren, die
dann in internationalen Interessengruppen eine Verschmelzung finden.
Aus dem Köcher der angehäuften „Benefits“
sucht man sich dann nutzenmaximierend das aus, womit
man die Unternehmen konfrontiert. Lokale Besonderheiten haben
in dieser Betrachtung keinen Platz.
Denn über eines brauchen wir uns keine Illusionen zu machen:
Wir leben im Zeitalter der Netze und der Vernetzung. Das Internet,
die eMail und das mobile Telefon sind zum vertrauten Handwerkszeug
gerade auch der gut ausgebildeten Spezialisten geworden, auf die
meine Eingangs-Beobachtung zutrifft gleichgültig in
welcher Branche sie tätig sind. Die virtuelle Welt ist zugleich
ihre reale Welt.
Bekommen wir also unberechenbare Verhältnisse in
denen exorbitante Gehaltssteigerungen durch hartnäckige Machtausübung
hochspezialisierter Beschäftigtengruppen durchsetzbar sind?
So wie dies bei amerikanischen Airlines geschehen ist?
Mit absehbar katastrophalen Folgen übrigens für Balance-sheet,
innerbetrieblichen Frieden und dem Zwang der Unternehmen, nun
durch strukturelle Veränderungen das Schlimmste abzuwenden.
Eines der Unternehmen wurde von Moody im Rating glatt auf „junk“
also Schrott herabgestuft.
Ich sehe die stabilisierende Kraft unserer Tarifautonomie mit
seinem System kollektiver Einkommensverteilung im höchsten
Maße gefährdet, sollte die egozentrische Durchsetzung
partikularer Interessen bei uns Schule machen. Dann allerdings
wäre sie vollends da, die Ellenbogengesellschaft.
Solch eine Verhaltensweise würde dazu führen, daß
die Unternehmen Strategien entwickeln werden ja entwickeln
müssen, den Einfluß solcher Berufsgruppen zu minimieren.
Sie wären dazu geradezu verpflichtet, denn beispielsweise
das KonTrag schreibt die Darlegung unternehmerischer Risiken vor
und hält damit die Unternehmensleitung an, Maßnahmen
zur Risikominimierung zu ergreifen.
Und wer würde bezweifeln, daß die Durchsetzung exorbitanter
Forderungen nicht ein Risiko für den Unternehmenserfolg darstellt?
Daß notwendig werdende Antwortstrategien dem HR Management
eine neue Richtung geben würden, ist nicht von der Hand zu
weisen. Ich hoffe, daß dies allen Beteiligten bewußt
ist.
Lassen Sie mich etwas Atmosphärisches in diesem Zusammenhang
ansprechen. Auch die Manager hierzulande müssen sich fragen
lassen: Schüren sie nicht derartige mentale Veränderungen,
wenn sie allzu unreflektiert Phrasen übernehmen wie: „Wir
befinden uns in einem ’War for talents‘“?
Oder wenn enthusiastisch die „Selbst GmbH“ oder
die „Ich AG“ propagiert wird, die den Mitarbeiter
zu seinem eigenen Unternehmer erziehen soll, die ihn zum „universal
soldier“, zum Söldner im eigenen Beruf macht?
Was erreichen wir damit?
Das Resultat liegt im Umkehrschluß, und es signalisiert:
Allzu feste Bindungen einzugehen wird nicht gewünscht, emotionale
schon gar nicht. Und selbst gutgemeinte „employability“-Programme
können in diesem Kontext durchaus als Aufforderung zum „job
hopping“ begriffen werden.
Ich ziehe damit überhaupt nicht den gelegentlichen beruflichen
Wechsel innerhalb eines Arbeitslebens in Zweifel, der sowohl dem
Beschäftigten als auch den Unternehmen einen Gewinn bringt.
Gewinn bringt er allerdings erst, wenn er mehrere Dimensionen
erfüllt: Wenn er neben einer besseren Bezahlung zugleich
auch Wissenserweiterung und verbesserte Führungsqualität
bewirkt.
Meine Damen und Herren: Wenn sich die Welt verändert
und sie hat sich mit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts fundamental
verändert dann haben sich die persönlichen Lebensbedingungen
der Menschen mit ihnen verändert.
Am wenigsten darf dies die Personalführung ignorieren
oder das Human Resource Management, wie sich Ihre Funktion zeitgemäß
bezeichnet. Ich meine, Sie stehen vor einem Paradigmenwechsel,
meine Damen und Herren!
Wir befinden uns etwa in der Halbzeit einer perspektivischen
Betrachtung, die der Zukunftsforscher Professor Opaschowski auf
das Jahr 2010 ausgerichtet hatte. Er weist darin nach, daß
mit dem Strukturwandel in der Arbeitswelt auch ein Wertewandel
unter den Beschäftigten verbunden ist.
Neue Arbeitsformen von Teamwork oder Telearbeit veränderten
das Anspruchsniveau in Bezug auf die Qualität und Kreativität
der Arbeit, schrieb er.
Der Effizienzdruck führe andererseits dazu, daß viele
Berufstätige das Gefühl hätten, ihre Ideen nur
noch nach getaner Arbeit realisieren zu können oder daß
sich karrierebewußte junge Leute zugleich hofiert und verheizt
fühlten.
Er folgert daraus, daß mehr Brücken zwischen Berufs-
und Privatleben geschlagen werden müssen, um die Leistungsmotivation
der Mitarbeiter dauerhaft zu sichern und die Freude an der Arbeit
zu erhalten.
Und so riet Opaschowski: „Die Zukunftsfähigkeit einer
betrieblichen Personalarbeit erweist sich in der gelungenen Verbindung
der strategischen Ziele des Unternehmens mit den individuellen
Lebenskonzepten der Mitarbeiter.“ Ein wohl wahres
Zitat.
Aber nicht nur die Zukunftsfähigkeit der betrieblichen Personalarbeit
wird davon abhängen, sondern zu einem guten Teil auch die
Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, will sie denn die
Chancengleichheit von Mann und Frau verwirklichen, den Familien
Freiräume geben, dem Überalterungsprozeß entgegenwirken
oder der Tendenz eines frühen Ausstiegs aus dem Erwerbsleben
etwas entgegensetzen.
Ihnen, meine Damen und Herren, stellt sich die Aufgabe, auf die
beschriebenen Phänomene eine Antwort zu finden. Eine Antwort,
die Stabilität herstellt im komplexen Beziehungsgeflecht
eines Unternehmens vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen.
Darin liegt eine der ganz großen Anforderungen an das HR
Management.
Wollen wir es zulassen, daß der Wert der Ressource Mensch
nur vom Marktwert, seinem Tauschwert bestimmt wird? Oder muß
sie uns nicht mehr bedeuten, wenn wir neben der Höchstleistung
auch Zusammenhalt und Identifikation erwirken wollen.
Meine Überzeugung ist: Die menschliche Ressource hat nicht
nur einen objektiven, das heißt einen Gebrauchswert. Sie
hat auch einen subjektiven Wert, und der kann nur durch ein Eingehen
auf die Bedürfnisse Beachtung finden.
Ich habe dies zur Grundlage meiner Führungsphilosophie gemacht.
Denn es sind drei menschliche Einflußgrößen,
die besonders stark auf das Unternehmen und seinen Erfolg einwirken:
Die Kunden, die Mitarbeiter und die Kapitalgeber, also die Aktionäre.
Alle drei üben eine Wechselwirkung aufeinander aus: Erfülle
ich die Bedürfnisse meiner Kunden, behandle ich sie zuvorkommend,
so geben sie mir ihr Geschäft. Loyale Kunden sichern den
Arbeitsplatz der Mitarbeiter.
Deshalb stehen Sie an der Spitze meines magischen Dreiecks, deren
Basis die Kapitalgeber und Mitarbeiter bilden.
Die Loyalität der Kunden zu erhalten, fordert die Mitarbeiter
heraus, ihrerseits ihr bestes zu geben. Beide, Kunden und Mitarbeiter,
bewirken den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens, der wiederum
den Kapitalgebern ihre Rendite sichert.
Verprellen wir den Aktionär, dann sinkt der Unternehmenswert,
und wir würden nicht in der Lage sein, die Substanz des Unternehmens
zu mehren, zu investieren und unseren Kunden einen zeitgemäßen
Service zu bieten und Werte zu schaffen.
Diese unleugbare Wechselwirkung wird durch ein wichtiges Element
stabilisiert, und das ist das Eingehen auf die Bedürfnisse
der genannten drei Gruppen. Dies schafft Balance.
So wie wir Anstrengungen unternehmen, über ein Customer
Relationship Management unsere Kundenbeziehungen zu verbessern
oder uns mit dem Instrumentarium der Investor Relations um unsere
Aktionäre kümmern, so bedarf es auch besonderer Bemühungen
um zeitgemäß gestaltete Mitarbeiter-Beziehungen.
Hiermit ist das Human Resource Management eindeutig in eine strategische
Rolle bei der Führung eines Unternehmens gestellt.
Seine Rolle ist integrativ zu sehen. Betriebswirtschaftliche
Programme dies ist mir deutlich geworden haben für
ein Unternehmen einen hohen, aber nicht einen ausschließlichen
Nutzen.
Gerade auch weil der Lufthansa Konzern auf dem Kamm eines Erfolgsgebirges
entlang schreitet, haben wir uns angesichts so mancher Herausforderungen
wirtschaftlicher Rahmenbedingungen entschlossen, das Unternehmen
auf den Prüfstand zu stellen.
Wir haben dazu den Begriff des D-Checks aus der Fliegerei gewählt,
weil er am besten beschreibt, was damit gemeint ist. Er besagt,
daß nach bestimmten Intervallen selbst ein noch so gut funktionierendes
Flugzeug auf Herz und Nieren überprüft werden muß.
Ein Flugzeug, das in den D-Check geht, ist nicht reparaturbedürftig
sondern voll flugtauglich. Dennoch findet die Grundüberholung
statt. Wenn es den Check verläßt, hat es gewissermaßen
eine frische Lizenz erhalten.
Alle Systeme sind geprüft und auf ihre Eignung hin auch
auf veränderte Anforderungen durchgesehen worden. Was abgenutzt
ist, wird erneuert, und neu eingebaute Strukturelemente sichern
die Zukunftsfähigkeit. In gleicher Weise wollen wir die Prozesse
des Unternehmens und unsere Strukturen unter die Lupe nehmen.
Mir ist nach dem Konflikt der zurückliegenden Wochen verstärkt
deutlich geworden, daß nicht allein die operativen Prozesse,
sondern auch die Prozesse des Umgangs miteinander, die Humanfaktoren,
in diesen D-Check hineingehören.
Wir haben drei große Herausforderungen identifiziert, die
unsere Personalarbeit am Beginn des 21. Jahrhunderts bestimmen
und die vor dem Hintergrund des Wertewandels wohl jedes Unternehmen
berühren.
Sie lauten: Kompetenzen sichern, Mitarbeiterbedürfnisse
erkennen und Strukturen erneuern.
Wir haben begonnen, diese Ziele in unserer Human Resources Management
Arbeit mit einer Zahl von Instrumentarien anzusteuern.
Kompetenzen zu sichern, die Herausforderung Nr. 1, heißt,
die richtigen Potentiale für das Unternehmen zu ermitteln
und befähigte Menschen als Mitarbeiter für uns zu gewinnen.
Die Anforderungen, die wir erfüllt sehen wollen, haben wir
als globales Unternehmen mit vier „P“s aus dem Englischen
beschrieben: Personality Persönlichkeit, Performance
Leistung, Professionalism Professionalität
und Passion Leidenschaft. Ohne die Leidenschaft der Mitarbeiter,
einen guten Service geben zu wollen, kommt ein erfolgreiches Dienstleistungsunternehmen
nicht aus.
Die Personalauswahl nach diesen Kriterien setzt nach Möglichkeit
früh ein durch Praktika, Diplomandenarbeiten, die
wir vergeben, durch Förderprogramme aber auch durch Bewerberveranstaltungen
oder Teilnahme an Messen und Kongressen.
Ob wir erfolgreich angeworben haben, erweist sich immer erst
nach dem Vertragsabschluß. Deswegen folgen auf Werbung und
Auswahl Bemühungen der Integration und des Beibehaltens.
Denn es ist unsere Politik, daß die hochqualifizierten Mitarbeiter
möglichst lange im Unternehmen verweilen.
So haben wir ein Programm zur Netzwerkbildung und Orientierung
für Direkteinsteiger entwickelt und pflegen Netzwerke eigentlich
auf allen Ebenen. Netzwerke schaffen Vertrautheit und Rückhalt.
Beides braucht der Mensch zum Wohlfühlen.
Führungskräfte unterschiedlichster Bereiche treffen
sich mit dem Vorstand am Konzernstammtisch, und unsere Lufthansa
Summer School eröffnet unseren Führungskräften
einen Campus zur Aktualisierung ihres Wissens.
Ausbildungsende heißt in der Lufthansa auch immer wieder
Ausbildungsbeginn durch Schulungen für alle Gruppen
und Ebenen der Mitarbeiterschaft oder die Lufthansa Corporate
University, die eine Fülle von Qualifizierungsmaßnahmen
für Führungskräfte eröffnet.
Das zweite Feld der Herausforderungen ist zugleich das schwierigste,
weil es auch die Bereitschaft zu individuellen Lösungen erfordert:
Es ist das Eingehen auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter.
Hierfür haben wir, oftmals unter den ersten im Lande, eine
Zahl von Angeboten entwickelt.
Wir wissen schon seit langem, daß die Arbeit nicht mehr
der alleinige Lebensinhalt der Deutschen ist. Freizeit wird mittlerweile
als genau so sinnvoll angesehen, wie der Beruf.
61 Prozent der Menschen in unserem Land betrachten das Ausmaß
der Arbeitszeit als eher belastend bis sehr belastend.
80 Prozent geben an, leichte bis erhebliche Schwierigkeiten in
ihren Beziehungen wegen ihres beruflichen Engagements zu haben.
Und 83 Prozent der Beschäftigten wünschen sich, mehr
teilhaben zu können am Aufwachsen der Kinder.
Eine Umfrage unter den Führungskräften der Lufthansa
hat ähnliche Tendenzen aufgezeigt, die aber offenbar dank
bereits greifender Maßnahmen nicht so hoch ausfallen.
Wir alle kennen die Hindernisse, die Modellen einer weitgehenden
Arbeitszeitflexibilisierung und Arbeitszeitreduzierung in den
Unternehmen entgegenstehen:
Entweder entsprechen solche Modelle nicht der Unternehmenskultur,
oder die Menge der zu bewältigenden Arbeit läßt
innovative Konzepte nicht zu. Ebenso sind Negativreaktionen von
Kollegen und Vorgesetzten in den Betrieben zu erwarten
zum Beispiel bei Teilzeitarbeit, Teleworking oder Vaterschaftsurlaub.
Um ein wichtiges Element der persönlichen Erfüllung
scheint es allerdings in den deutschen Unternehmen gar nicht so
schlecht zu stehen: Es ist dies die Förderung von Selbstverantwortung
am Arbeitsplatz.
Wie das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat, wurde
auf 64 Prozent aller deutschen Arbeitsplätze Verantwortung
an die Mitarbeiter delegiert. Das stärkt das Selbstwertgefühl
der Menschen und motiviert sie. Nach Schweden nimmt Deutschland
hier den zweitbesten Platz in Europa ein.
Wir haben dem Aspekt der Bedürfniserfüllung in der
Personalarbeit mit zahlreichen Maßnahmen entsprochen. Sie
füllen eine stattliche Liste:
Es beginnt bei den Aufgaben der Mitarbeiter und der Festlegung
der Inhalte. Wir möchten eine Kultur der Anerkennung pflegen,
die zum Ziel hat, den Mitarbeitern das Gefühl zu geben, einen
Sinn in ihrer Arbeit und Leistung zu sehen und Erfüllung
zu finden.
Zu den Erfordernissen unserer HR Arbeit zählen des weiteren
die Gestaltung des Arbeitsumfeldes und der Atmosphäre, die
hierarchische Durchlässigkeit, eine offene Kommunikation
und schließlich auch die materielle Beteiligung am Unternehmenserfolg.
Die Sanierung der Deutschen Lufthansa hat deshalb funktioniert,
weil wir an allen beschriebenen Elementen gearbeitet haben. Der
Dialog, die offene Kommunikation war sicherlich das ausschlaggebende
Moment dabei, denn sie ließ beides zu Wort kommen
die Emotion und die Ratio, also Herz und Verstand.
Ich habe in den zehn Jahren meiner Amtszeit mehrere hundert direkte
Gespräche mit Mitarbeitergruppen geführt, die sich unter
dem Begriff der „Town Meetings“ etabliert haben.
Weil Führung immer auch vorleben bedeutet, haben sich Town
Meetings auf vielen Ebenen des Managements unserer Konzernunternehmen
heute eingebürgert. Ich wüßte keinen Geschäftsführer
oder Bereichsvorstand, der nicht von Zeit zu Zeit ein Town Meeting
mit Mitarbeitern bestreitet.
Diese Runden erlauben den direkten Kontakt und die Ansprache
brennender Probleme auf beiden Seiten.
Ich will nicht verhehlen, daß die berufsbedingten Umstände
unseres fliegenden Personals also das auf Sich-selbst-gestelltsein
während zum Teil langer Abwesenheiten auf den Flügen
diesen direkten Dialog erschweren und die Bindung an das
Unternehmen auch nicht gerade festigen.
Hier sehe ich nach der Beendigung der Schlichtung eine besondere
und zusätzliche Herausforderung an unsere HR Funktionen.
Denn die in den zurückliegenden drei Jahrzehnten immer stark
in den Vordergrund gerückte Schnittstelle Mensch Maschine
in der Fliegerei ist nur eine Seite der Medaille. Ihr hat man
stets intensive Aufmerksamkeit geschenkt, mit meßbaren Erfolgen
für die Luftverkehrssicherheit.
Von zumindest gleicher Bedeutung aber ist die Schnittstelle Mensch
Mensch. Und die besteht in erster Linie aus der Kommunikation.
Sie ist mehr als nur die Weitergabe von Informationen. Sie besteht
besonders in Führung und Teamarbeit. Das Management von Konflikten
gehört dazu.
Für diesen speziellen Aspekt ihrer Arbeit im Cockpit werden
unsere Piloten auf allen Gebieten der interpersonalen Kompetenz
trainiert. Der hohe flugbetriebliche Standard der Lufthansa hat
auch darin seine Begründung und Bestätigung gefunden.
So werden wir gewiß auch Wege finden, die Schnittstellen
zwischen dieser Berufsgruppe und dem Unternehmen selbst zu intensivieren.
Davon bin ich fest überzeugt.
Über eine weitere Erfahrung möchte ich berichten: Die
Beteiligung der Menschen am Unternehmenserfolg.
Anläßlich der Privatisierung der Lufthansa Mitte der
neunziger Jahre bin ich zitiert worden, dass es mir sehr recht
wäre, wenn sich 25 Prozent der Lufthansa Aktien in Mitarbeiterhand
befänden.
Dazu stehe ich auch heute noch. Wir haben durch das Engagement
der Lufthanseatinnen und Lufthanseaten in den zurückliegenden
Jahren überdurchschnittliche Erfolge aufzuweisen gehabt.
Und diese Erfolge werden in einem Vergütungssystem besonders
gut berücksichtigt, in dem wie bei Lufthansa
in zunehmendem Maße neben einem Grundgehalt eine leistungsorientierte
variable Vergütung gezahlt wird, ergänzt um ein ergebnisorientiertes
Element.
Bei uns heißt dieses Element Lufthansa Chance, in der ein
zinsloses Darlehen zur Finanzierung eines Lufthansa Aktienpaketes
gewährt wird.
Besonders wettbewerbsorientiert gestaltet ist die LH Outperformance
für die Führungskräfte. Es ist ein Aktienoptionsprogramm,
bei dem sich unsere Manager mit ihrem erworbenen Aktienpaket an
der Kursentwicklung von Wettbewerbern messen lassen. Es hat sie
angespornt und sie haben das Risiko ihres Einsatzes bislang nicht
bereut.
Heute sind rund 50 Prozent der Belegschaft auch Aktionäre
ihres Konzerns. Ihre Aktien repräsentieren rund 5 Prozent
am Grundkapital der Lufthansa den Anteil von 25 Prozent
haben wir noch lange nicht erreicht.
Um des Aspektes der sozialen Kompetenz willen haben wir unsere
Personalpolitik zudem familienbewußt gestaltet. Wir nehmen
Rücksicht auf die Belange junger Familien. Neue Technologien
schaffen heute Spielraum für eine flexiblere Gestaltung von
Arbeitszeit und ort.
Wir unternehmen zur Zeit große Anstrengungen, das verstärkt
Beachtung findende Feld der Diversity zu bearbeiten, also des
bewußten Einbindens der Fähigkeiten und Eigenheiten
einer plural zusammengesetzten Mitarbeiterschaft.
Dazu haben wir eine eigene Abteilung geschaffen.
Menschliche Vielfalt einzubinden fällt einer Lufthansa leichter,
da sie es eigentlich zeit ihres Bestehens als weltweit tätiges
Unternehmen gewohnt ist, mit Menschen anderer Kulturkreise zu
arbeiten.
15 Prozent unserer Beschäftigten sind Ausländer und
28 Prozent der deutschen Lufthanseaten sind außerhalb unserer
Grenzen tätig. Aber auch im eigenen Land werden wir uns auf
eine stärkere ethnische und kulturelle Durchmischung einzustellen
haben. Die Zuwanderungsdebatte macht dies deutlich.
Der Begriff der Diversity ist aber weiter gefaßt, wie Sie
alle wissen: Er geht über die Begriffe ethnischer Minderheiten
hinaus und schließt Alter, Geschlecht, Behinderungen und
Religionszugehörigkeiten ein.
Diversity will mehr bewirken als die Erfüllung bestimmter
Quoten. Es geht um die Anerkennung von Menschen in ihrem täglichen
Umfeld und das Einbringen ihrer Qualifikationen in die Fähigkeiten
des Unternehmens.
Wir haben es erreicht, beispielsweise typische, geschlechtsbedingte
Domänen zu „knacken“. Pilotinnen sind voll
integriert in unserem Arbeitsleben wie auch Mechanikerinnen oder
Sekretäre.
Hier denke ich, unterscheiden wir uns in der Auffassung von der
primär auf Konsumentengruppen ausgerichteten Sicht der Amerikaner.
Wir betreiben Diversity in erster Linie um der Unternehmenskultur
willen, nicht wegen des Kaufkraftpotentials bestimmter gesellschaftlicher
Gruppen.
Meine Damen und Herren: Strukturen erneuern, sagte ich, ist die
dritte Herausforderung unseres Human Resources Management.
Wir verstehen darunter innovative tarifliche Regelungen und Betriebsvereinbarungen.
So beispielsweise die Vereinbarung „Media on demand“
über die Nutzung neuer IT-Technologien bei der Bildungsarbeit,
das ausdrücklich Mitarbeiterinnen im Erziehungsurlaub mit
einschließt.
Ein besonderes Augenmerk haben wir im vergangenen Jahr dem eBusiness
gewidmet. Mehrfach sind wir in den Medien dafür herausgestellt
worden, daß wir eine umfassende eBusiness Strategie entwickelt
haben und in der Entwicklung digitaler Anwendungen auf vielen
Feldern vorn stehen.
Die neuen Medien, insbesondere das Inter- und Intranet bieten
auf dem Feld der Human Resources viele Möglichkeiten. Auch
hier gilt meines Erachtens im Sinne der Balance des beschriebenen
Kräftedreiecks von Kunden, Mitarbeitern und Aktionären
die intelligente Nutzung der Möglichkeiten moderner IT-Technologien.
So wie wir in unseren Geschäften die Felder B2C also
Unternehmen/Kunde und B2B d.h. Unternehmen zu Unternehmen
besetzen, so müssen und wollen wir auch das Feld B2E
also das Verhältnis Unternehmen zu seinen Mitarbeitern
innovativ entwickeln.
Natürlich verfügt Lufthansa als ein modernes, von Hi-tech
beeinflußtes Unternehmen über ein Intranet. Wir haben
ein Projekt namens eBase aufgelegt, in dem dieses Instrument zu
einem interaktiven Mittel des Wissensmanagements ausgebaut wird.
Ziel ist es, über dieses Mitarbeiterportal jedem eine individualisierte,
auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Intranetseite anzubieten,
die ihm alle Funktionen bietet, die seine Arbeit erleichtern.
Unsere Crews können ihre Dienstpläne von zu Hause aus
einsehen und mitgestalten, Piloten werden von unterwegs ihre Flugplanung
vorbereiten können, Studieninhalte unserer Lufthansa Corporate
University sollen abrufbar sein und Dienstreisen per Laptop abgerechnet
werden können.
So gehört auch die Nutzung der digitalen Möglichkeiten
zu den Anforderungen des Human Resource Management im 21. Jahrhundert.
Es ist absehbar, dass eben auch Führung nicht mehr nur Auge
in Auge sondern elektronisch stattfindet. Das erzeugt eine lebendige
Unmittelbarkeit, die wir vorher nicht kannten.
„Menschen schaffen Werte“ Meine Damen und
Herren, ich gehöre einer Generation an, die von ihrer Erziehung
und vom Lebensalter her vor der Postmoderne steht.
Diese Postmoderne, so sagen ihre Kritiker wie Jeremy Rifkin,
richte das Denken der Menschen mehr auf Zugang, denn auf Besitz
aus. Der Genuß stehe im Mittelpunkt, das Erlebnis, das Ausleben
von Lebensstilen.
Die Veränderungen in der Gesellschaft verändern die
Mitarbeiter eines Unternehmens in gleicher Weise. Davon ist niemand
ausgeschlossen.
Trotzdem bleibt der Satz bestehen: „Menschen schaffen
Werte“, denn auch in der sich verändernden Welt bleiben
geschaffene Werte Grundlage der Existenz von Menschen.
Um diese Menschen heutzutage jedoch zu gewinnen, können
Unternehmen nicht mehr ihr Ziel auf Wertschöpfung allein
ausrichten. Wollen sie ihren Erfolg sichern, dann geht dies nur,
wenn sie das Kräftedreieck von dem ich sprach in Balance
halten.
Ein Element dazu heißt, den Bedürfnissen der Menschen
zu entsprechen. Zu den Bedürfnissen der Mitarbeiter zählt
in zunehmenden Maße die Balance von Beruf und Privatleben.
Aber zur Aufgabe der Unternehmensführung zählt auch,
den Mitarbeitern den Wert ihrer Arbeit zu vermitteln und ihnen
deutlich zu machen, daß sie Teil einer Wertegemeinschaft
sind, die nicht durch übersteigerten Eigennutz sondern allein
durch Teamarbeit erfolgreich sein kann.
Hierin sehe ich die hauptsächlichen Anforderungen an das
Human Resources Management im 21. Jahrhundert, meine Damen und
Herren. Die Instrumentarien dazu entwickeln Sie.
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