Der Redenschreiber


Man verachtet uns Redenschreiber so sehr, dass man einen der schwierigsten Berufe entweder für gar keinen Beruf ansieht, oder für nebensächlich hält. Dabei lässt man sich doch auch die Haare waschen und schneiden; eine Rede aber sollte Jeder selbst aufsetzen können, als ob es mehr Kunst verlangte, was wir auf dem Kopf, als was wir in ihm haben. Wenn aber freilich Derjenige, der eine Rede zu halten verbunden ist, sie nicht selbst ausdenken, und wiederum Derjenige, der sie auszudenken fähig ist, sie nicht selbst halten kann, und also der Eine ohne Grund redet, der Andere ohne Grund schweigt, wieso sollte man sie dann Beide nicht eben so wie den Blinden und den Lahmen verachten, dessen jeweils einzelne Fähigkeit dem Übelstand nicht abhilft, deren Fähigkeit zusammen genommen den Übelstand aber erst recht kenntlich und lächerlich macht! Was heißt lächerlich! Wenn Reden für gewöhnlich langweilen, gibt es dann irgend einen Grund, Das eher dem Vortrag als unserem Konzept zuzuschreiben? Wie machen wir begreiflich, dass eine Rede, die nach dem Urteil des Publikums nicht einmal hätte gehalten werden müssen, sogar aufgesetzt werden musste? Die wenigsten Redner ja sind Berufsredner, wir aber sind Berufschreiber! Wenn der Redner also nicht anders spricht, als er notfalls auch ohne unsere Hilfe hätte sprechen können, dann ist nicht einzusehen, dass man eine Tätigkeit loben sollte, die, wenn sie unterbleibt, nicht fehlt, wenn sie aber dazu kommt, erst recht nicht zu fehlen scheint. Wie soll der Redner unseren Ruf verkünden, wenn seine Worte, ja unsere eigenen Worte, nicht einmal unsere Bemühung kund tun! Dann ist unsere Fähigkeit ja noch weniger wert als die des Lahmen oder Blinden. Wer aber einwendet: Wir müssen uns nach dem Geschmack des Auftraggebers modeln: Dem gesteh ich zu, dass man im Ausdruck nicht allein den Stil des Auftraggebers, sondern viel mehr noch den Wunsch und Willen des Publikum treffen müsse; dass man aber umgekehrt in den Gedanken und Argumenten sich sogar selbst übertreffen sollte. Oder welcher Redner würde es zurück weisen, dass wir ihm die erlesensten Gedanken zuschreiben: schmückt er sich doch notfalls sogar mit Zitaten; oder welches Publikum würde es nachsehen, wenn man ihm banalste Alltäglichkeiten vorsetzt? Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, wir hätten von Berufs wegen einem Anderen nur soviel in den Mund zu legen, als uns selbst von Natur aus in den Schoß gelegt wurde.

Ich spreche jetzt gar nicht von der Redekunst, die wir schon zu wenig beherrschen; vom Publikum will ich sprechen. Gibt es denn ein weicheres Wachs, ein knetbareres Plastilin, einen gefügigeren Ton als eine Menge Menschen, die Zuhörer sind? Der kleinste Vorfall bringt sie zum Lachen, der kleinste Fehler zum Erröten, denn sie sind voller Spannung, schon wegen des engen Zusammensitzens; und so wie eine Vielzahl immer richtig singt, auch wenn der Einzelne falsch sänge, so urteilt sie auch immer richtig, denn der Einzelne tritt hier hinter das Allgemeine zurück. Aber welche Schande nicht: Wo ansonsten ein jedes Geräusch, das ans Ohr dringt, das Einschlafen gerade verhindert, ist es allein der Rede vorbehalten, als einziges Geräusch, das Einschlafen sogar zu bewirken. Einen so unbestechlichen Richter täuschen zu wollen, etwas so Bewegliches zum Stillstand zu bringen und mit Mikrofon und Verstärkern gar einzuschläfern, - Das zeugt weniger von mangelndem Kunstverständnis als von unredlicher Absicht! Gewiß, wir lesen auch fade Romane bis ans Ende, aber von einer faden Rede überstehen wir nicht einmal den Beginn. Wir also, die wir Gesprochenes schreiben, wir müssen in erster Linie Physiologen von Auge und Ohr sein, was sage ich: Physiker müssen wir werden, die Sichtbares in Hörbares umzuwandeln verstehen. Wer Augen hat, sage ich, der höre, wie Das, was er schriftlich fest legt, klingen mag; und wer Ohren hat, der sehe, wie sich der flüchtige Eindruck dauerhaft und auf Papier bannen lasse.

Aber wir versehen es zumeist schon im allerersten Beginn: denn anstatt die Redesituation, die Umstände des Auftritts zu vergegenwärtigen und auszuforschen, sammeln wir Stoff zum Thema, suchen Material, holen Fakten ein, und suchen jene Gewissheit, die die Rede allererst erzeugen und unser Denken hervor bringen sollte, aus Karteikästen und Jahrbüchern zu klauben, bevor wir noch an die Rede überhaupt heran gegangen wären, damit wir sodann die unvorbereiteten Zuhörer mit der gewonnenen Gewissheit überfallen können. Ist eine Rede ein Referat? Eine Rede macht etwas zuvor Zweifelhaftes gewiß, und zwar auf einen solchen Grad, dass, wenn die Sache auch gewiß wäre, wir sie zuerst zweifelhaft machen müssen, wie auch bei den Trauer- und Festreden: denn wo der ganze Stoff ohnedies ausgebreitet liegt, die Beteiligten einander kennen, jeder der Anwesenden bei der Zeremonie dabei war: wie sollten wir bloß wiederholen, was Jeder sah, anstatt hervor zu ziehen, was verborgen blieb! Auch eine Trauer-, auch eine Lobrede muß ganz nach Art von Anklage und Verteidigung geführt werden, denn entstanden ist die Rhetorik immer aus dem Streit und der gerichtlichen Praxis, und eher ja verleugnet man seine eigene Streitsucht und Kampflust als gerade die der Redekunst! Und wie wollte man die Zuhörer wach halten, wenn sie keinen Angriff befürchten und keinem Kampf beiwohnen werden? Schwerer noch, sage ich, als einen Terroristen aus seinem Schlupfloch, zieht man, was vor Aller Augen liegt, ans Licht, und mit größerem Aufwand sogar. Denn nicht nur sind wir selbst Geistschreiber, sondern ist auch unser jeweiliger Gegenstand geisterhaft und gespenstisch, wo wir, um auf die richtigen Gedanken zu kommen, Gedanken auch lesen müssen, seien es die des Auftraggebers, des Publikums oder die der Zeit. Und ist es schon schwer genug, zu sagen, was Andere denken, um wie viel schwerer wird es nicht erst sein, zu denken, was noch Niemand gesagt hat? Unmöglich ist`s. Aber zu sagen, was sich nicht einmal denken lässt, ja Das ist die Rhetorik:

"Wenn ich Sie belästigt habe, warum haben Sie dann keine Klage eingereicht? Wenn ich Sie aber nicht belästigt habe, warum klagen Sie mich hier an?" -
"Wenn wir um sie weinen, weil sie zu jung gestorben ist, so tun wir Recht daran, unseren Schmerz zu zeigen; wenn wir sie aber beklagen, wie als ob sie selbst etwas verloren und eingebüßt, und gewissermaßen noch nichts begonnen, nichts erfahren und vom Leben gleichsam noch nicht gekostet hätte, so tun wir ihr und ihrer Mutter zugleich Unrecht: der Mutter, weil sie doch Alles, was sie besaß und vermochte, der Tochter gab und gewährte, und wieder der Tochter, wenn wir ihr mit den Gütern und Gaben, die sie empfing, zugleich auch den Dank gegen die Mutter absprechen müßten." -
"Wir sind nicht so sehr aus kleinen Anfängen groß geworden, als wir trotz großen Vorhaben, nicht klein, sondern ganz unbedeutend geblieben wären, wenn sich nicht mit dem Wunsch der Verwirklichung so viele Helfer der Erfüllung eingefunden hätten. Die Wahrheit hievon bestätigt ein anderer Verein, der uns zur Konkurrenz gegründet worden war, und von dem man, wenn ich ihn nicht hier zufällig erwähnte, womöglich gar nicht wüsste, dass es ihn je gab."
"Freilich vertreten wir vor Gericht nicht unbedingt die Wahrheit, aber Das ist nicht unsere Schuld, sondern hängt wohl mit dem Gesetz zusammen, besteht doch von Natur aus sozusagen ein Unterschied zwischen Gesetz und Wahrheit: Denn das Recht greift in die auffälligen und anstößigen Verhaltensweisen ein, und Das behandelt der Anwalt; die Wahrheit aber verhält sich unauffällig und unscheinbar, und sie behandelt in der Regel Niemand. Auch kann die Wahrheit nicht Sache einer Kunst, der Redekunst, sein, welche die wahren Bewegungsgründe gar nicht nennen darf, weil sie entweder nichts mit dem Gegenstand der Verhandlung zu tun haben, oder, allzu naiv, unglaubwürdig wirken, oder uns sogar dem Gegner Preis geben würden, wenn wir ihm den Weg dahin wiesen, wo er uns wirklich treffen und verletzen kann, so wir zum Beispiel Furcht eingestehen wollten."
"Was der Ehemann großzügig seiner Frau gewährte, galt für nichts; was ihr jetzt der Richter streng zumessen wird von dem selben Besitz, wird dagegen genug sein? Gesetzt ich selbst hätte nur gewähren wollen, was auch der Richter für vernünftig hält und geben will: Wen hätte sie auf diesen Fall um Abwendung eines Unrechts angefleht?"

Das Denken muß in die Enge getrieben und überall von Gegensätzen eingeschlossen werden, wie der unvorsichtig in die Talenge vorgerückte Feind von den Berghängen und den herab stürmenden Truppen von der Hoffnungslosigkeit seiner Lage überzeugt wird. Anders können wir das Publikum nicht bestimmen noch bewegen. Die Sprache selbst macht überall das Abwesende gegenwärtig und das Gegenwärtige deutlicher. Die Kunst aber wird es so vor Augen führen müssen, das das bloß geistig Vorhandene bestimmender wirkt als nicht das sinnlich Gegebene. Aus diesem Grund auch waren die Dichter immer in Gefahr, wahnsinnig zu werden, als es eben noch Dichter gab und nicht nur Wahnsinnige. Üblicher Weise ja bilden wir unsere Vorstellungen nach den Wahrnehmungen von der Wirklichkeit, wir gehen von der Anschauung zum Begriff; die redenden Künste dagegen gehen den umgekehrten Weg und erzeugen mit Hilfe eines Begriffs, mit Hilfe der Worte wie eine Anschauung. Kein Wunder also, dass sie darüber die wirkliche Anschauung verlieren mochten. Dieses Geisterhafte und Unfassliche begegnet uns in der Rhetorik auf dreifache Weise: bei der Verteidigung und Anklage als das Undenkbare, wenn wir zeigen müssen, dass etwas nicht möglich sein kann, weil es allem Anderen widerspricht; bei der Feier und dem Fest als das Unsichtbare, weil, was gegenwärtig vor Augen liegt, nicht gesagt zu werden braucht, was aber gesagt werden kann, nicht vor Augen ist; beim Zu- und Abraten endlich das Unwägbare, weil politische Entwicklungen und Handlungen und alle Arten von Vorhaben in ihrer Wirkung ungewiß sind. Die Rhetorik muß also nicht bloß sagen, was sich nicht denken, sondern was sich nicht einmal sehen lässt.

Das es sich zuletzt aber wenigstens hören lasse, was schon nicht sichtbar und nicht denkbar ist, ist das wichtigste Erfordernis unserer Kunst, wobei keine zwei anderen Künste einander so entgegen gesetzt sind, wie diese beiden verwandten Fertigkeiten des Redens und des Schreibens einander fremd! Man betont sogar gesondert, wenn Einer eine Sprache in "Wort und Schrift", wie man Das nennt, beherrscht, als ob es sich hierbei gewisser Maßen um zweie Disziplinen handelte, und der Betreffende die Sprache auf einen höheren Grad beherrschte. Und Das ist auch der Fall. Wenigstens bei den Redenschreibern sollte sich daher in ihrer eigenen Sprache eine Fertigkeit finden, die man an anderen Leuten, wenn sie sie ohne ferneren Nutzen sogar in einer fremden beherrschen, über die Maßen bewundert. Und wenn man so viele Leute sagen hört: Was sie nicht Alles erlebt haben, sie könnten ein Buch davon schreiben, und es dennoch nicht schreiben, obwohl ihnen doch alle Fakten ihres Lebens bekannt sein müssen: dann lasse sich auch der Redenschreiber, der Profi, gesagt sein, davon sich jeder gewöhnliche Mensch schon selbst überzeugt: Daß, wenn man nicht einmal die eigenen Sachen beherrscht, mit den fremden umzugehen wohl eine ganz besondere Kunst sein muß. Wieso also wollen wir nicht eine Bewunderung an uns ziehen, die man uns sogar ganz von selbst entgegen zu bringen bereit wäre! Dixi.

© Heiko Schmidt 04.10.2001

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