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Rede von Dr. Michael Engelhardt anlässlich des
1. Redenschreiberkongresses in Berlin am 6. September 2000
Meine Damen und Herren,
Hier geht es um "Redenschreiben", ein seltsames Wort, etwa
wie "Essentrinken". Eine Rede ist eine Rede, weil sie geredet
wird. Etwas Geschriebenes aber ist etwas Geschriebenes, d.h. etwas nicht
Geredetes. Die geschriebene Rede ist etwas Geschriebenes, das so tut,
als sei es etwas Geredetes. Der Modus der Äußerung verbirgt,
wenn nicht eine Lüge, so doch ein Problem.
Wenn jemand seine eigene Rede schriftlich entwirft, käme niemand
auf den Gedanken, ihn einen "Redenschreiber" zu nennen. Ein
"Redenschreiber" ist ein Mensch, der etwas schreibt, was eine
Rede sein soll, die nicht er, der Schreiber, sondern ein anderer, der
Redner - der nicht "redet" sondern abliest - hält. Der
Redenschreiber muß also ein Zweifaches vollbringen: er muß
Geschriebenes so formulieren, als ob es etwas Geredetes sei und dieses
"Als-ob-Geredete" muß ferner so formuliert sein, als ob
es nicht er, sondern ein anderer sei, der da rede. "Redenschreiber"
- eine schwierige Sache, eine zweifache Fiktion.
Nicht nur für den Redenschreiber, auch für den Redner: er steht,
etwas Geschriebenes ablesend, vor der Aufgabe, das Publikum glauben zu
machen, daß er rede und daß er es sei, der da rede, ebenfalls
eine zweifache Fiktion.
Die "politische Rede" - und nur darüber will ich heute
sprechen - hat den Sinn, die Zuhörer von dem Geredeten zu überzeugen,
zumindest sie im Sinne des Geredeten zu beeinflussen. Sie will im politischen
Raum etwas bewirken. Ich kann andere nur überzeugen, wenn ich zunächst
einmal selbst von dem überzeugt bin, was ich da rede. Das setzt voraus,
daß ich erst einmal selbst Überzeugungen haben muß. Das
unendliche Gewäsch, das den politischen Raum lärmend erfüllt,
kommt daher, daß in den politischen Reden nur selten Überzeugungen,
sondern beliebige Meinungen, die in "taktischen Erwägungen"
ihren Ursprung haben, verlautbart werden. Ändert sich die politische
Situation, ändert sich auch der Inhalt der Rede.
Jedoch:
"Die Menschheit hat ein fein Gehör,
Ein reines Wort erreget schöne Taten."
Reden, die "taktischen Erwägungen" entspringen, erregen
keine "schöne Taten", sondern, früher oder später,
Widerwillen.
So wie es zwei Arten politischer Redner gibt, so gibt es auch zwei Arten
von Redenschreibern für diese Politiker: Menschen mit Überzeugungen
und Menschen, die glauben, die politische Rede habe taktischen Erwägungen
zu dienen. Es liegt auf der Hand, daß sich hier die Zahlenverhältnisse
genau entsprechen müssen. Der politische Taktiker sucht sich einen
Redenschreiber, der sich mit der politischen Taktik seines Auftraggebers
auf innigste vertraut gemacht hat und der keine Silbe schreibt, die außerhalb
dieser Taktik liegt, ja, der nie einen eigenen Gedanken zu fassen wagt,
weil ein eigener Gedanke, deswegen, weil er ein eigener ist, notwendigerweise
außerhalb der Taktik seines Herrn und Meisters liegt. M.a.W.: ein
solcher Redenschreiber ist ein Lakai, und er will ein Lakai sein, und
er wurde von seinem Meister zum Redenschreiber gemacht, weil er ein Lakai
ist und auch sein will.
Ich plaudere aus der Schule: Auf Bitten des damaligen Bundeskanzlers Schmidt
entwarf ich seine Bundestagsrede zum 30-jährigen Bestehen der Bundesrepublik.
Der Bundeskanzler schrieb, mit grün, darunter: "Ein sehr guter
Entwurf" mit zwei Ausrufezeichen. Mein Freund Thilo von Trotha kann
das bestätigen: wir haben uns bei dieser Gelegenheit kennengelernt
und befreundet. Die Rede wurde sehr wohlwollend besprochen. Eine führende
Zeitung schrieb: der Kanzler habe in dieser Rede eine nahezu "präsidiale"
überparteiliche Haltung eingenommen. Ich hatte über vier Jahre
lang die Reden von Bundespräsident Walter Scheel entworfen. Und ich
bekenne: es ist mir psychisch unmöglich, meine Überzeugungen
in das Korsett irgendeines jeweils geltenden Parteiprogramms einzuzwängen.
Diese Kritik gab mir zu denken. Ich fragte mich, ob ich der richtige Redenschreiber
für Helmut Schmidt sei, einen Politiker, den ich ja gerade deswegen
achtete, weil er in seiner Person tief gegründete Überzeugungen
hat. Ich ging mit diesen Bedenken zu Herrn Bölling. Seine Antwort:
"Herr Engelhard, auf Ihre Gedanken und Überzeugungen kommt es
gar nicht an. Sie haben die Inhalte, die Ihnen vorgegeben werden, in eine
angemessene Form zu bringen." Meine Reaktion: "Ich bin bereit,
dem Herrn Bundeskanzler meine Gedanken zur Verfügung zu stellen;
aber ich bin nicht bereit, dem Herrn Bundeskanzler zuliebe das Denken
aufzugeben." Ich eigne mich nun einmal nicht zum Lakaien.
Ich höre schon den Einwand: aber du kannst als Redenschreiber doch
deine Überzeugungen nicht dem Redner aufdrängen. Richtig. Das
will ich nicht und das habe ich auch nie getan. Ich höre öfters
die Meinung: "Das muß doch sehr schwer sein, sich in die Person
eines anderen so hineinzuversetzen." Ich halte diese Sicht für
vollkommen falsch. Der politische Redenschreiber hat sich nicht in die
Person des Redners, sondern in die politische Funktion des Redners hineinzuversetzen.
Er hat sich zu fragen: was muß dieser Mensch sagen, um in dieser
konkrekten Situation eine für das Gemeinwohl optimale Wirkung zu
erzielen. Anders ausgedrückt: was ist das Richtige in dieser Situation,
was muß gesagt werden, damit wir einen Schritt nach vorn tun können?
Um das herauszufinden, muß er mit den besten Kräften seines
Geistes die Situation selbst, die in ihr enthaltenen Konflikte und die
Lösungsmöglichkeiten dieser Konflikte, den Beitrag, den der
Redner in seiner Position mit seinen Möglichkeiten bestenfalls leisten
kann, bedenken. Und erst danach wenn er das nach bestem Wissen und Gewissen
herausgefunden hat, d.h. seinen eigenen begründeten Überzeugungen
gemäß, hat er sein Ergebnis daraufhin zu prüfen, ob der
Redner, aufgrund der Besonderheiten seiner Person, seiner Überzeugungen,
seiner Leistungen, seiner bisher geäußerten Meinungen, seiner
Biographie diese Lösung vor der Öffentlichkeit glaubwürdig
vertreten kann. Und er hat aus seinem Entwurf alles herauszustreichen,
was dieser Glaubwürdigkeit widerspricht. Was der Redner - der Redner
mit Überzeugungen - von seinem Redenschreiber verlangen kann und
muß, ist nicht, daß er ihm lakaienhaft in den Hintern kriecht,
sondern: eine unbedingte Loyalität gegenüber seinem Amt und
seiner Person.
Ich plaudere aus der Schule: Nach der Ermordung Hans Martin Schleyers
lehnte die Familie Schleyer Ministerpräsident Filbinger und Bundeskanzler
Schmidt als Redner des Staatsaktes in Stuttgart ab. Bundespräsident
Scheel wurde gefragt. Er sagte zu. Ich hatte 1 ½ Tage, die Rede
zu entwerfen. Der Terrorismus hatte das Land in eine tiefe psychologische
Krise gestürzt. Der furchtbare Mord an Hans Martin Schleyer erschütterte
jeden Menschen in unserem Lande. Das Problem war hier: was war hier zu
sagen? Ich war mir bewußt: hier reichten die üblichen Floskeln
nicht aus. Ich kam zu der Erkenntnis: die Regierung hatte sich, in dem
sie den Forderungen der Terroristen nicht nachgab, mit Schuld beladen.
Es war eine unausweichliche Schuld. Zuweilen ist es das schwerste Opfer,
das ein Politiker seinem Lande bringen muß, Schuld auf sich laden
zu müssen. Ich erinnere mich des Gesichtes von Helmut Schmidt in
diesen Tagen. Es war von Leiden gezeichnet. Ich achtete, ich bewunderte
ihn, wie er diese Entscheidungen auf sich nahm. Er hatte keine Wahl, und
er wußte es. Aber es war und blieb Schuld. Das mußte ausgesprochen
werden. Der zentrale Satz dieser Rede war, an die Familie Schleyer gewandt:
"Wir bitten um Vergebung!" Wir - das waren wir alle, für
die es keine andere Lösung gab, als den Tod dieses Mannes in Kauf
zu nehmen. Dieser Satz mußte ausgesprochen werden. Der damalige
Staatssekretär Frank beschwor den Bundespräsidenten, diesen
Satz nicht zu sagen. Der Staat könne nicht zugeben, daß er
Schuld habe. Der Bundespräsident blieb fest. Staatssekretär
Frank bestand darauf, daß der Entwurf dem Bundeskanzler vorgelegt
werde, eine Selbstverständlichkeit. Der Bundeskanzler setzte, mit
Grün, ein Komma in den Text ein. Der Satz blieb stehen. Der Satz
wurde gesagt. Und dieser Satz einte die Nation von links bis rechts.
Selbst die ganz Linken nahmen diesen Satz eines Mannes, den sie verachten
zu dürfen glaubten, in ihren Film: "Deutschland im Herbst"
auf.
Ich tue dem von mir verehrten Bundespräsidenten Walter Scheel wohl
kein Unrecht, wenn ich sage, daß er von sich aus auf diesen Satz
nicht gekommen wäre. Dieser Satz appellierte an die höchsten
Möglichkeiten seines Amtes und seiner Person. Er stellte ihn vor
eine Entscheidung. Und er entschied sich - für diesen Satz. Und damit
wurde es sein Satz. Als er diesen Satz sagte, las er nicht ab. Er sprach
seine Überzeugung aus. Jeder spürte das. Ich hatte vor dem Präsidenten
und vor meinem Staat meine Pflicht als Redenschreiber getan.
Die höchsten Möglichkeiten des Amtes und der Person. Was ist
eine Person? Ist es nur der empirisch vorhandene Mensch, mit allen seinen
Schwächen und Zufälligkeiten, oder ist es im letzten nicht wesentlich
das, was er, unter Anspannung all seiner besten Kräfte, sein könnte?
Unser empirisches Ich ist immer nur eine unvollkommene Ausprägung
dieses unseres höheren, besseren Ich. Die höchste Achtung vor
einer Person besteht nicht darin, ihren Schwächen, Eitelkeiten, Launen
nachzugeben, sondern in ihr dieses bessere Ich zu erkennen. Mit meinen
Entwürfen habe ich meine Auftraggeber nie vor die Wahl gestellt:
meine Auffassung oder deine Auffassung, sondern ich habe sie vor die Wahl
gestellt, sich zwischen ihrem empirischen und ihrem besseren Ich zu entscheiden.
Deswegen konnten sie das, was ich ihnen aufschrieb, glaubwürdig reden
und vertreten. Ich habe in den zwei Bundespräsidenten Walter Scheel
und Richard von Weizsäcker zwei "Redner" gehabt, die ich
tief achten konnte. Jeder meiner Entwürfe war Ausdruck dieser tiefen
Achtung vor ihrer Person.
Dabei geht es nicht ohne Konflikte ab. Die meisten Menschen sind mit dem,
was sie sind, ganz zufrieden, zumal wenn sie so erfolgreich waren wie
diese beiden. Ein guter Redenschreiber muß widersprechen können.
Er muß für das, was er für richtig hält, eintreten,
auch gegen einen ersten spontanen Widerstand des Redners. Er braucht Mut.
Dieser Mut ist der wichtigste, der zentrale Teil seiner Loyalität.
Ein Beispiel: 1986, 200. Todestag Friedrichs des Großen. Morgenbesprechung.
Ein Kollege macht auf das Datum aufmerksam. Erregte Reaktion des Bundespräsidenten:
"Ich bin doch nicht der Festochse der Nation!" Meine Reaktion:
"Herr Bundespräsident, Sie sind der Festochse der Nation. Sie,
niemand sonst, haben den Gedenktagen der Nation ihren demokratischen Sinn
zu geben." "Ich bin kein Historiker!" "Sie sollen
nicht als Historiker, Sie sollen als Bundespräsident reden."
"Wer soll denn die Rede schreiben?" Antwort: "Ich".
Es wurde eine sehr schöne Rede. Sie berührte insbesondere nachdenkliche
Soldaten der Bundeswehr. Als sie herausgefunden hatten, daß ich
die Rede entworfen hatte, luden mich ca. 15 Obersten und Generäle
der Führungsakademie in Koblenz ein, mit ihnen über die Rede
ein Wochenende lang in Maria Laach zu diskutieren, eine meiner schönsten
Erinnerungen.
Weihnachtsansprache 1985. Rudolf Heß saß immer noch in Spandau
im Gefängnis. Nach meiner Auffassung hat der Bundespräsident
für die Menschenrechte jedes Deutschen einzutreten, auch wenn er
Rudolf Heß heißt. Mir war klar, daß der Bundespräsident
deswegen von links angegriffen werden würde. Ich schlug ihm deshalb
vor, auch für die Freilassung von Nelson Mandela einzutreten. Das
würde Angriffe von rechts zur Folge haben. Heftigste Diskussion der
Kollegen. Beides sei unmöglich. Das Ansehen des Bundespräsidenten
würde beschädigt. Der Bundespräsident dachte einige Tage
nach - und er entschied sich - für beide Sätze. Er war das erste
Staatsoberhaupt der westlichen Welt, das öffentlich für die
Freilassung Nelson Mandelas eintrat, ganz sicher ein Juwel seiner Amtszeit,
von heute aus betrachtet.
Glaubwürdigkeit. 1979, 250. Geburtstag Gotthold Ephraim Lessings.
Alle, die mich kennen, wissen, daß ich in der klassischen Literatur
nicht nur unseres Landes ungewöhnlich gut Bescheid weiß. Aber
konnte ich Walter Scheel zumuten, öffentlich eine Literatur-Kenntnis
zur Schau zu stellen, die nur die meine war und nicht die seine? Hier
setzt die Achtung vor der Person ein. Ich reduzierte mein Wissen auf das
Wissen eines normalen deutschen Abiturienten. Und auf dieser Grundlage
zeigte ich auf, daß unser Grundgesetz den tiefsten Sehnsüchten
dieses herrlichen Mannes entsprach, das, wofür er, mit wunderbarem
Mut, sein Leben lang gekämpft hat: "Eine Zensur findet nicht
statt." Walter Scheel konnte jedes Wort dieser Rede mit voller eigener
Überzeugung reden.
17. Juni 1978, Tag der deutschen Einheit. Untersuchungen hatten herausgefunden,
daß die deutsche Jugend sich nicht mehr dafür interessierte,
daß an deutschen Schulen und Universitäten nichts mehr darüber
gelehrt wurde, trotz des Auftrags des Grundgesetzes. Für Walter Scheel
war jeder Buchstabe des Grundgesetzes unantastbar, ja heilig. Ich wußte
das. Und so schrieb ich ihm auf: "Die Lehrer dieses Landes haben
sich an die Verfassung zu halten, und die Länderregierungen haben
die Pflicht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß sich
die Lehrer an die Verfassung halten können. Es darf nicht geschehen,
daß die deutsche Einheit durch unsere eigene Nachlässigkeit
und Gedankenlosigkeit verspielt wird." Die Rede schlug ein wie eine
Bombe. Die Kulturminister aller Länder versammelten sich beim Bundespräsidenten.
Ein Kulturministerbeschluß, durch den das Thema der deutschen Teilung
und der deutschen Einheit als Lehrstoff an allen unseren Schulen eingeführt
wurde, war die Folge, nach meiner Kenntnis das einzig Konkrete, was in
unserem Land zur Vorbereitung der deutschen Einheit getan wurde.
Das sind nur ein paar Beispiele. Jeder meiner Entwürfe konfrontierte
meine Redner mit sich selbst, mit den Überzeugungen ihres besten
Selbst. Sie entschieden sich nicht für mich, sie entschieden sich
zu sich selbst. Nur so erklären sich die Wirkungen dieser Reden:
Die Definition der Haltung zum Staat "als kritischer Sympathie"
prägte viele Jahre später einen evangelischen Kirchentag. Die
Rede zum 8. Mai 1989 fand ein weltweites Echo. Warum? Weil ich sie entworfen
hatte? Nein, sie hatte diese Wirkung, weil sie den tiefsten Überzeugungen
Richard von Weizsäckers entsprach.
Aber all diese Reden wären ganz sicher nicht so gehalten worden,
wenn ich sie nicht entworfen hätte. Und ich konnte diese Entwürfe
nur fertigen, weil sie Ausdruck meiner eigenen tiefen Überzeugungen
davon waren, was ich für "richtig" hielt. Meine Entwürfe
waren immer und ausschließlich das Ergebnis meines eigenen Nachdenkens
über die Sache.
Meine Damen und Herren, es gibt keinen guten Redeentwurf, der des selbständigen
eigenen Denkens des Redenschreibers entraten könnte. Die Vorstellung,
daß eine Rede, aus früheren Redetexten des Redners zum gleichen
Thema, aus dem Computer zusammengestoppelt, vermischt mit Partien aus
irgendwelchen politischen Aufsätzchen, wirklich eine "Rede",
gar eine "gute Rede" werden könne, ist absurd. So kommen
nur die Belanglosigkeiten zustande, die die Spalten unserer Zeitungen
füllen. Wenn Sie einen Redenschreiber suchen, der Ihnen Entwürfe
guter Reden liefert, dann müssen sie ihm schon gestatten, selber
zu denken.
Die Sprache nämlich ist nicht nur die Form der Gedanken, sie ist
der Gedanke selbst. Ohne eigene Gedanken verkommt die Sprache zu dem unerträglichen
Kommunique - Sprachgespenst, das aus unseren Fernsehapparaten spukt oder
zu dem lächerlichen Schwulst, den man hierzulande immer noch für
"Rhetorik" hält.
Die meisten Redner, die einen Redenschreiber brauchen, verlangen zweierlei
von ihm:
- einerseits soll er Reden entwerfen, die Geschichte machen;
- andererseits soll er eine graue Maus, d.h. eigentlich gar nicht vorhanden
sein.
Eine "graue Maus" aber wird immer nur "graue Maus"-
Entwürfe liefern. Wenn Sie gute Redeentwürfe haben wollen, müssen
Sie schon einen "bunten Hund" wählen. Und der läßt
sich nun einmal nicht wie eine graue Maus behandeln, wie man es im allgemeinen
so gerne möchte. Mr. Salinger schrieb die Reden von John F. Kennedy.
Jeder wußte das und er wurde dafür hoch geehrt. Denn es waren
sehr gute Reden. Ein Redenschreiber ist nach Auffassung unserer Oberen
ein Domestik, dem man sein Domestik-Sein spüren lassen muß.
Solange das so ist, kann ich eigentlich keinem einzigen qualifizierten
Menschen raten, diese Tätigkeit auszuüben.
Woran liegt das? Nehmen wir an, ich bin Redenschreiber des Bundeskanzlers
und ich bin dieser Aufgabe gewachsen. Aber da gibt es ja noch das ganze
riesige Bundeskanzleramt, mit vielen Direktoren, die seinen Abteilungen
vorstehen. Was machen all diese Leute? Sie beraten den Bundeskanzler auf
ihren speziellen Politik-Feldern. Ist da nun ein Redenschreiber, der in
der Lage ist, dem Bundeskanzler eine Rede aufzuschreiben, die auf allen
Politik-Feldern Vorwärtsweisendes enthält, dann empfinden diese
Direktoren das, verständlicherweise, als Bedrohung. Und entsprechend
reagieren sie: nicht nur die meisten Redner, es sind auch die beamteten
Berater des Redners, die ein vitales Interesse daran haben, daß
der Redenschreiber als Domestik behandelt wird.
M.a.W.: Der Redenschreiber hat noch gar keinen Platz in unserem Regierungssystem
gefunden. Er wird als ein notwendiges und möglichst zu verheimlichendes
Übel empfunden. Daher ist diese Tätigkeit, unter dem Gesichtspunkt
der persönlichen Würde betrachtet, letztlich überhaupt
nur auszuüben, wenn zwischen dem Redenschreiber und dem Redner und
der Öffentlichkeit ein Verhältnis wechselseitigen Respekts herrscht,
wie es zwischen Mr. Kennedy und Mr. Salinger und der amerikanischen Öffentlichkeit
geherrscht hat. D.h. die übrige Administration müßte dem
Redenschreiber, der Gedanken hat, mit höchster Achtung gegenübertreten,
ihn nicht als Gegner, sondern als gleichwertigen Partner empfinden und
akzeptieren, weil er, wegen seines Denkens, das uneingeschränkte
Vertrauen des Redners genießt. Ansatzweise hat es bei uns so etwas
zwischen Willy Brandt und Günter Grass und Klaus Harpprecht gegeben.
Bis dergleichen die Regel ist, hat es bei uns noch gute Weile. Es ist
so unendlich viel bequemer, den Redenschreiber als Domestiken zu behandeln.
Und, wie gesagt, viele wollen es ja auch sein. Von Domestiken braucht
man keine Gedanken zu befürchten, mit denen man sich auseinandersetzen
oder die man unterdrücken müßte. Ein Gedanke auf dem Arbeitsgebiet
der Abteilung X ist ja schon deswegen eine Gefahr für diese Abteilung,
weil er nicht von ihr kommt, ein Eingriff in ihre "Zuständigkeit."
Solange die Stellung der Redenschreiber so ist, wie sie in unserem politischen
System ist, ist mit einer Verbesserung der politischen Rhetorik, soweit
sie von Redenschreibern abhängt, - und sie hängt von ihnen weitgehend
ab - nicht zu rechnen.
Dieser Kongreß hat ja auch das Ziel, die Stellung des Redenschreibers
in Politik und Gesellschaft zu definieren - und eine solche Definition
wäre schon ein großer Schritt nach vorn. Vielleicht kommen
wir ja ein Stückchen weiter.
Ich würde mich, für meine Nachfolger, darüber freuen.
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