WIRTSCHAFTSWOCHE


Redenschreiber: Vorlage für hohe Sprünge

Ob Neujahrsansprache oder Bockbieranstich - in deutschen Unternehmen wurden im vergangenen Jahr 29.000 Reden gehalten. Die meisten davon stammen nicht aus der Feder des Redners selbst. Professionelle Redenschreiber finden ein reichhaltiges Betätigungsfeld. Schreiben für den Applaus anderer - auch dabei kommen Zufriedenheit und Erfolg nicht zu kurz.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, meine Damen und Herren, als Sie den Vertreter eines Global Player gebeten haben, beim diesjährigen Neujahrsempfang des Magistrats der Stadt Frankfurt zu Ihnen zu sprechen, haben Sie sich vielleicht Perspektiven zum Kurs des Euro, Trost im Tränental der Nasdaq oder Neuestes aus dem Reich der Fusionitis erwartet. Nichts davon werde ich bieten; halte ich es doch am liebsten mit Winston Churchill: "Prognosen sind am sichersten, wenn sie kurz nach dem Ereignis erfolgen". Deutsche-Bank-Chef Rolf E. Breuer macht eine kleine Pause und blickt ins Publikum. Dorthin blickt auch Hans-Dieter Holtzmann und studiert die Reaktionen - von Berufs wegen. Der 32-Jährige ist Assistent und Redenschreiber von Breuer - und will wissen, wie die Worte bei den Zuhörern ankommen.

Wie Holtzmann greifen in deutschen Unternehmen viele für die Chefs zur Feder. Eine Umfrage des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) und der WirtschaftsWoche unter den 500 größten deutschen Unternehmen zeigt: über 60 Prozent der Reden werden nicht vom Redner selber vorbereitet. Die Ghostwriter sitzen häufig in der Presse- oder Kommunikations-abteilung, bisweilen in Fachabteilungen. Häufig sind auch die Vorstandsassistenten fürs Recherchieren und Formulieren zuständig. Freien Redenschreibern vertrauen sich die Unternehmenslenker dagegen nur zögerlich an.

Um erfolgreich Reden schreiben zu könne, muss man nicht auf den Musenkuss warten. "Poeta nascitur, orator fit" , wussten schon die rhetorikversessenen Griechen. "Der Dichter wird geboren, der Redner wird gemacht." "Talent schadet nicht", sagt Thilo von Trotha, ehemaliger Redenschreiber von Helmut Schmidt und Präsident des VRdS. "Aber der weitaus überwiegende Teil ist Handwerk." Ein Handwerk, das nicht nur dem Vortragenden zugute kommt. Denn das Ghostwriting ist eine Qualifizierungs-offensive eigener Art: Wer Reden schreibt, muss zu den unterschiedlichsten Themen recherchieren - er lernt das Unternehmen, die Branche und die Verbandslandschaft schnell und gründlich kennen, merkt wo Konflikte und Interessen liegen und knüpft fast von selbst ein umfassendes Netzwerk. Gleichzeitig ist er nah dran am Chef - und der kann gar nicht umhin, von ihm und seiner Leistung Notiz zu nehmen.

Keine Standard-Ausbildung

Eine systematische Ausbildung zum Redenschreiber gibt es hier zu Lande allerdings nicht. Und so schreiben in Deutschlands Unternehmen Autodidakten, darunter viele Wirtschaftswissenschaftler, Journalisten und PR-Leute, aber auch Germanisten, Historiker und sogar Naturwissenschaftler.

Hans-Dieter Holtzmann kam zum Redenschreiben, als er nach VWL-Studium und Promotion 1996 bei der Deutschen Bank anheuerte - im Referat für Wirtschafts-, Banken- und Europapolitik. Das Grundsatzreferat lieferte Redeentwürfe und so schrieb und recherchierte auch er immer öfter. Nach einem Jahr wechselte er im Rahmen eines Austauschprogramms ins Bundeskanzleramt in den Arbeitsstab für wirtschaftspolitische Grundsatzfragen. Dort wurden die wirtschaftspolitischen Reden von Helmut Kohl vorbereitet und so hieß es auch hier wieder: recherchieren und formulieren. Zurück in Frankfurt begann er als Vorstandsassistent und Redenschreiber von Deutsche-Bank-Chef Breuer. Sein Gebiet: gesellschaftliche und politische Termine. Breuers Redestil und Vorlieben kennt er mittlerweile. "Er mag Zitate, Anekdoten und Wortspiele, er will pointierte, zugespitzte Reden. Jagen kann man ihn dagegen mit abwägenden ‚Einerseits-Andererseits'-Formulierungen."

Auch Bettina Kühne weiß, welchen Stil ihr Chef schätzt. Bilder, Anekdoten, kurze Sätze möchte Richard Weber in seinen Reden wiederfinden. Seit zweieinhalb Jahren schreibt die 33-jährige Dolmetscherin für den Chef des Karlsberg-Verbundes. Angefangen hatte sie als Pressereferentin in der PR-Abteilung des Urpils-Imperiums, wo sie durch ihre Texte auffiel. Etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit investiert sie nun in Reden zu den unterschiedlichsten Anlässen: Bockbieranstich und deutsch-französischer Unternehmertreff, Sponsorenempfang der Musikfestspiele Saar, Betriebsversammlung, Mitarbeiterverabschiedung, Bilanzpressekonferenz oder jährliches Führungskräftetreffen - Kühne wägt die nötigen Worte - im Schnitt etwa vier -bis fünfmal im Monat. Immer wieder muss sie sich schnell in neue Bereiche einarbeiten: Ist die Kläranlage der Brauerei umweltfreundlich, und wie kann man das belegen? Wann und wo schaltete Karlsberg eigentlich seine erste Werbeanzeige? Welche Hobbys hatte der Mitarbeiter, der demnächst verabschiedet wird? "Bei Verabschiedungen und Jubiläen rufe ich auch schon mal gerne bei der Ehefrau oder Freunden an", berichtet sie.

Der dichte Kontakt mit den verschiedensten Unternehmensbereichen macht den Job des Redenschreibers spannend - aber auch schwierig. Denn er muss nicht nur mit Blick auf die Außenwirkung seine Worte wägen, auch im Unternehmen lauern Gefahren. "Intern gesehen ist eine Rede immer ein Stück Machtpolitik. Verschiedene Abteilungen möchten sich angemessen berücksichtig sehen", beobachtet der Königswinterer Kommunikationsexperte Bernd Marenbach. Marenbach analysiert Reden und Redenauftritte - und kennt die Schwierigkeiten der Schreiber. Die werden von einem vielstimmigen Chor von Wünschen und Bedenken beschallt. "Die einen mahnen dazu, die Rede auf die Analysten zuzuschneidern, die nächsten warnen davor, die Politik zu verärgern, und die dritten betonen, die Rede müsse vor allem auf die Presse zielen", so Marenbach. Weiteres Dilemma: Einerseits sind die Schreiber auf die Experten angewiesen, die oft ganze Redepassagen zuliefern. Andererseits reagieren die Lieferanten nicht selten unwillig, wenn ihre sorgfältig erarbeiteten Vorschläge radikal ausgedünnt, vereinfacht, zugespitzt oder gar komplett ignoriert werden. So laufen Schreiber leicht Gefahr, "nur noch eine unfallfreie Rede zu basteln, die keinem wehtut - außer dem Zuhörer", warnt Marenbach.

"Man kann nicht immer alle Interessen zufrieden stellen", hat auch Hans-Dieter Holtzmann erkannt. Trotzdem hält er nichts davon, seine Texte vor eventuellen Einwänden abzuschirmen - im Gegenteil: Immer wieder gibt er seine Entwürfe an andere weiter, um weitere Anregungen oder Anmerkungen zu bekommen. "Wenn widersprüchliche Auffassungen da sind, finde ich einen Kompromiss oder entscheide mich nach einer Diskussion für eine Richtung", erklärt er.

Bei der Auswahl der Aspekte und Fakten braucht der Schreiber den Blick fürs Wesentliche - und Gespür fürs Publikum.

"Wer Wirkung erzielen will, muss von Anfang an vom Publikum her denken. Welchen Wissensstand haben die Zuhörer, wofür interessieren sie sich, was bewegt sie?" betont Heiko Hünsch, der für die Siemens-Vorstände zur Feder greift. "Berücksichtigt man das nicht, verpufft auch die Botschaft leicht." Weitere goldene Regel für Schreiber: Verliebe dich nie in deinen Text. Schreiber, die erwarten, dass ihr Chef alles schluckt, was sie ihm in den Mund legen, sind eine Fehlbesetzung.

"Eine Rede gehört immer dem Redner. Er eignet sie sich an, indem er die Vorschläge akzeptiert, ablehnt oder variiert" stellt Redenprofi von Trotha klar. Hans-Dieter Holtzmann sieht das ähnlich: "Natürlich kommt es vor, dass ein Entwurf nicht gefällt, dann muss ich eben noch mal ran. Enttäuscht sein darf man da nicht", betont er.

Der Schreiber hat die Mühe, der Redner den Applaus - dieser Umstand bringt den Ghostwritern immer wieder mitleidige Blicke ein. Zu Unrecht, wie viele finden. "Das Schicksal, nicht direkt mit unserer Leistung in Verbindung gebracht zu werden, teilen wir doch mit Millionen anderen. Wenn ein neuer Haarschnitt gelobt wird, preist man ja auch nicht den Friseur", relativiert Thomas Maess. Der Redenschreiber von Heide Simonis kennt seine eigenen Belohnungen: zum Beispiel wenn das Publikum tatsächlich bei den gezielt eingebauten "Klatschern" Beifall spendet oder zentrale Absätze in der Presse wieder auftauchen.

Selbst wenn eine Rede oder Redestrukur abgenickt ist, kann beim Auftritt wieder alles ganz anders sein - und das ist gut so, findet Michael Behrens, der für DaimlerChrysler-Boss Jürgen Schrempp an Reden bastelt. "Ein guter Redenschreiber ist eigentlich nur ein Redenvorbereiter. Der Redner muss immer selbst auf die aktuelle Situation eingehen. Wenn Schrempp eine Rede zu 100 Prozent ablesen würde, wäre ich enttäuscht", sagt er. Und Simonis-Textlieferant Maess meint: "Ich sehe meine Aufgabe eher darin, einen Text zu liefern, auf dem sie wie auf einem Trampolin hochspringen kann." Eine Rede ist eben ein Gesamtereignis. Karlsberg-Schreiberin Bettina Kühne berücksichtigt das so sehr, dass sie Stimmen hört: "Ich stelle mir immer vor, wie ein Satz in Webers Mund klingen würde", sagt sie. Wenn dann der Redner gewappnet mit Karteikarten oder Redemanuskript ans Podium tritt, bleibt den Schreibern trotz aller Vorbereitung nichts anderes als zu harren und zu hoffen, dass ihr Chef die goldene Regel beachtet, die schon Luther formulierte: "Tritt frisch auf, tu's Maul auf, hör bald auf."


NADJA KIRSTEN

 

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