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Niemand kann es leugnen:
Trotz aller Bemühungen um political correctness sprechen
die meisten ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeit
der übrigen sechseinhalb Milliarden Mitbewohner dieses
Planeten.
Wo das hinführt, sieht man ja.
Wäre es nur dabei geblieben, daß Literaten
Literaten Literaten nennen! Noch immer gibt es anachronistische,
bibelfest verbohrte Menschen, die in aller Einfalt übertreiben.
Ihre Rede ist Ja, Ja, Nein, Nein.
Sie nennen einen Bauern Bauer, eine
Putzfrau Putzfrau, Angehörige stärker pigmentierter
Bevölkerungsgruppen Neger, ohne sich etwas dabei
zu denken, oder - Gipfel der Unkorrektheit - einen Ignoranten
einen Ignoranten. Wir dagegen sind politisch nicht nur
korrekt, sondern absolut korrekt. Wir sagen nicht Blödsinn,
wenn wir "Blödsinn"
meinen, sondern: Das können wir nicht nachvollziehen.
Wobei wir immer noch "Blödsinn" meinen.
Aber leider wird nicht nur übertrieben, sondern maßlos
übertrieben. Wir sind gegen maßlose Übertreibungen.
Wir halten maß. Wir sind für maßvolle Übertreibungen.
Wir erschrecken, selbstverständlich maßvoll,
wenn wieder einmal von einem tragischen Unfall berichtet
wird. Wer wünschte nicht, der Unfall möge, wenn
er schon Opfer gefordert und Menschenleben gekostet haben
mag, so doch wenigstens lustig verlaufen sein? Das wäre
ein Trost.
Das hemmungslose Geschwätz politischer Fernsehstammtische
ödet uns an. Ein bißchen gehemmt dürfte
es schon sein, das Geschwätz. Wir finden einen gewissenlosen
Opportunismus inopportun. Gewissenhafte Opportunisten befragen
ihr Gewissen. bevor sie ihre Wahl treffen und das Mäntelchen
sorgfältig nach dem neuen Wind hängen.
Verstockte Sünder sind allen Wohlgesinnten ein Greuel.
Sie mögen ja sündigen - wenn sie nachher nur
Einsicht zeigen wollten! Wir verurteilen auch all diese
vielen sinnlosen Verbrechen. Wir können ausschließlich
sinnvolle Verbrechen gutheißen. Ein fanatischer Rassist
wird nicht verstehen, daß uns fanatische Rassisten
widerwärtig sind. Wir wünschen uns den toleranten,
ja den aufgeklärten und kultivierten Rassisten. Wir
verabscheuen besinnungslose Gewalt. Die Besonnenheit von
Gewalttätern ist eine unverzichtbare Forderung der
Stunde. Andererseits verzichten wir gerne auf alles Unverzichtbare
und ziehen das Unentbehrliche, das Unabdingbare, ja selbst
noch das Nötige vor. Wir halten nicht nur Unverzichtbares
für verzichtbar, sondern auch ungewunkene Gäste
für einen Fauxpas, ungeholfene Notleidende für
unbeholfen und unerlaubte Eindringlinge für eine Landplage,
so lästig wie die einstmals weit verbreiteten vermischten
Warenhändler.
Ganz verwerflich ist die riicksichtslose
Ausbeutung der Schwachen. Seid rücksichtsvoll bei
der Ausbeutung, möchten wir rufen, die Opfer werden
es euch danken! Wir leiden angesichts der unmenschlichen
Vertreibungen von Millionen. Vertreibungen sollten grundsätzlich
menschlich gestaltet werden. Ein erster Schritt zu dieser
Menschlichkeit ist, das Wort Vertreibungen zu vermeiden.
Besser, man nennt solche Veranstaltungen ethnische Säuberung.
Es schaudert uns vor den eiskalten, brutalen Morden, die
in den Zeitungen Schlagzeilen machen. Wir appellieren an
alle Mörder: Laßt bei eurer Tätigkeit warmes
Gefühl, ja Zartgefühl walten. Nennt es auch nicht
Mord. Besser, ihr sagt: Endlösung, Und erst die blutigen
Gemetzel der jüngsten Kriege! Unblutige Gemetzel wären
doch erträglicher für alle Beteiligten. Wir haben
etwas gegen grenzenlosen Schwachsinn. Wir propagieren den
begrenzten Schwachsinn. Wir gehen davon aus und kommen,
einmal ausgegangen, nie mehr darauf zurück, daß Schwachsinn
in vernünftigen Grenzen allgemein nachvollziehbar
ist. Denn endlose Wiederholungen stören ungemein,
insbesondere die der ungekämmten Wahrheit. Wir erklären
uns, ohne viel Hoffnung, für enden wollende Wiederholungen.
Dietmar Polaczek
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