10 Jahre VRdS

 


Marcel Reich-Ranicki hielt die Festrede beim Verband der Redenschreiber

Bericht von Jörg Zimmer, Mitglied des VRdS

Kritik an Kluft zwischen
Realität und Illusion

REMAGEN. Er kam, sprach und kritisierte. Marcel Reich-Ranicki hielt anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Bundesverbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) die Festrede. Vor mehr als 100 Zuhörern im Museumsbahnhof Rolandseck sagte der 88-Jährige: „Man muss traurig darüber sein, dass wir Redenschreiber brauchen.“ Seine erste Begegnung mit einer Rede, so der wohl einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart, habe er in William Shakespeares „Julius Caesar“ gehabt. Die berühmte und erfolgreiche Rede des Marc Anton habe sein frühes Misstrauen gegen die Rhetorik geweckt: „Die Rede ist gut, aber sie ist von Beginn an gelogen.“

Marcel Reich Ranicki

Marcel Reich-Ranicki beim Festvortrag anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) im Bahnhof Rolandseck (Arp Museum). Foto Thomas Maess


Fast unmittelbar kam Reich-Ranicki von Marc Antons Rede auf Adolf Hitler zu sprechen. Ebenso wie Luther der Erfolg seiner Schriften ohne die begleitende Erfindung des Buchdrucks wohl versagt geblieben wäre, hätte Hitler ohne die Entwicklung der Rundfunktechnik nie eine solche Wirkung entfalten können. Reich-Ranicki: „Heinrich Böll macht in ‚Dr. Murkes gesammeltem Schweigen’ sehr schön deutlich, wie wenig brauchbarer Inhalt in Hitlers Reden war.“ Hätte Hitler, so Reich-Ranickis These an diesem Festtag der Redenschreiber, sich dem Fernsehen aussetzen müssen, er wäre gescheitert.

Werden nicht zu viele Reden gehalten?

Angesichts der Laudatio, die Bundeskanzlerin Angela Merkel eben erst auf den Henri-Nannen-Preisträger Reich-Ranicki gehalten hatte, sagte der Gelobte: „Werden nicht überhaupt viel zu viele Reden in Deutschland gehalten?“ Der Erfolg von Politikern hängt nach Ansicht des Kritikers viel zu sehr von ihrer Redebegabung ab. Zugleich sage diese Fähigkeit nichts darüber aus, ob sie tatsächlich für die vorgesehenen Funktionen geeignet seien. Reich-Ranicki: „Kohl war ein begnadeter Redner, aber es hat ihm nicht geschadet.“ Herrliche Reden gebe es indes in der russischen Literatur. „Lesen Sie einmal die glänzenden Reden in den ‚Brüdern Karamasow’ nach“, forderte der eigens aus Frankfurt angereiste Festredner sein Auditorium auf. Lobende Worte fand er zudem für die englischen Schulen und Universitäten, wo junge Leute lernen, ihre Gedanken selber in freier Rede zu formulieren.

Redenschreiber ist ein gefährlicher Beruf

Trotz des Jubiläums wollte Marcel Reich-Ranicki kein uneingeschränktes Lob für das Handwerk der Redenschreiber finden. „Ich bin nicht dagegen, ich bin nicht dafür“, sagte er. Die Kluft zwischen Realität und Illusion sei groß und sogar gefährlich für den Berufsstand, warnte er: „Denken Sie nur an das Schicksal von Michael Engelhard, der, nachdem er in einem Zeitungsinterview davon gesprochen hatte, Richard von Weizsäckers Redenschreiber zu sein, gleich gefeuert wurde.“ Immerhin konnte sich der prominente Festredner in der anschließenden Diskussion dazu durchringen, dass es allemal besser für die Menschen sei, gut vorbereitete und recherchierte Reden zu hören, als zuviel Nonsens aus dem Fernseher zu rezipieren. Und auf noch ein weiteres Zugeständnis ließ sich der Kritiker ein. VRdS-Ehrenpräsident Thilo von Trotha hatte eingangs der Mitgliederversammlung zum Jubiläum den Philosophen Schopenhauer mit den Worten zitiert: „Die Liebe zur Sprache ist der einzig erlaubte Patriotismus.“

Gemeinsamkeit: Liebe zur Sprache und Literatur

Zugleich ermunterte von Trotha, der früher unter anderem Reden für Helmut Schmidt geschrieben hat, sich an der Sprache der Literatur und insbesondere der Gedichte zu orientieren, die eine wirksame Diät gegen die Geschwätzigkeit seien. Die Liebe zu Literatur und Sprache akzeptierte Marcel Reich-Ranicki zuletzt als Gemeinsamkeit des Kritikers und der Redenschreiber. Und auch das Schlusswort von VRdS-Präsidentin Minita von Gagern: „Verehrter Herr Reich-Ranicki, finden Sie nicht auch, dass es für das Selbstbewusstsein unseres Berufsverbandes spricht, Sie zu unserem Jubiläum als Festredner einzuladen?“

Bericht: Jörg Zimmer, Mitglied des VRdS

 

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