Fast unmittelbar
kam Reich-Ranicki von Marc Antons Rede auf Adolf Hitler
zu sprechen. Ebenso wie Luther der Erfolg seiner Schriften
ohne die begleitende Erfindung des Buchdrucks wohl versagt
geblieben wäre, hätte Hitler ohne die Entwicklung
der Rundfunktechnik nie eine solche Wirkung entfalten
können. Reich-Ranicki: „Heinrich Böll
macht in ‚Dr. Murkes gesammeltem Schweigen’ sehr
schön deutlich, wie wenig brauchbarer Inhalt in
Hitlers Reden war.“ Hätte Hitler, so Reich-Ranickis
These an diesem Festtag der Redenschreiber, sich dem
Fernsehen aussetzen müssen, er wäre gescheitert.
Werden nicht zu viele Reden gehalten?
Angesichts
der Laudatio, die Bundeskanzlerin Angela Merkel eben
erst auf den Henri-Nannen-Preisträger Reich-Ranicki
gehalten hatte, sagte der Gelobte: „Werden nicht überhaupt
viel zu viele Reden in Deutschland gehalten?“ Der
Erfolg von Politikern hängt nach Ansicht des Kritikers
viel zu sehr von ihrer Redebegabung ab. Zugleich sage
diese Fähigkeit nichts darüber aus, ob sie
tatsächlich für die vorgesehenen Funktionen
geeignet seien. Reich-Ranicki: „Kohl war ein begnadeter
Redner, aber es hat ihm nicht geschadet.“ Herrliche
Reden gebe es indes in der russischen Literatur. „Lesen
Sie einmal die glänzenden Reden in den ‚Brüdern
Karamasow’ nach“, forderte der eigens aus
Frankfurt angereiste Festredner sein Auditorium auf.
Lobende Worte fand er zudem für die englischen Schulen
und Universitäten, wo junge Leute lernen, ihre Gedanken
selber in freier Rede zu formulieren.
Redenschreiber
ist ein gefährlicher Beruf
Trotz des Jubiläums
wollte Marcel Reich-Ranicki kein uneingeschränktes
Lob für das Handwerk der Redenschreiber finden. „Ich
bin nicht dagegen, ich bin nicht dafür“, sagte
er. Die Kluft zwischen Realität und Illusion sei
groß und sogar gefährlich für den Berufsstand,
warnte er: „Denken Sie nur an das Schicksal von
Michael Engelhard, der, nachdem er in einem Zeitungsinterview
davon gesprochen hatte, Richard von Weizsäckers
Redenschreiber zu sein, gleich gefeuert wurde.“ Immerhin
konnte sich der prominente Festredner in der anschließenden
Diskussion dazu durchringen, dass es allemal besser für
die Menschen sei, gut vorbereitete und recherchierte
Reden zu hören, als zuviel Nonsens aus dem Fernseher
zu rezipieren. Und auf noch ein weiteres Zugeständnis
ließ sich der Kritiker ein. VRdS-Ehrenpräsident
Thilo von Trotha hatte eingangs der Mitgliederversammlung
zum Jubiläum den Philosophen Schopenhauer mit den
Worten zitiert: „Die Liebe zur Sprache ist der
einzig erlaubte Patriotismus.“
Gemeinsamkeit:
Liebe zur Sprache und Literatur
Zugleich ermunterte von
Trotha, der früher unter anderem Reden für
Helmut Schmidt geschrieben hat, sich an der Sprache der
Literatur und insbesondere der Gedichte zu orientieren,
die eine wirksame Diät gegen die Geschwätzigkeit
seien. Die Liebe zu Literatur und Sprache akzeptierte
Marcel Reich-Ranicki zuletzt als Gemeinsamkeit des Kritikers
und der Redenschreiber. Und auch das Schlusswort von
VRdS-Präsidentin Minita von Gagern: „Verehrter
Herr Reich-Ranicki, finden Sie nicht auch, dass es für
das Selbstbewusstsein unseres Berufsverbandes spricht,
Sie zu unserem Jubiläum als Festredner einzuladen?“
Bericht: Jörg Zimmer, Mitglied des
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