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Kongress Sprache und Menschenbild


Presseberichte zum Kongress



Artikel der F.A.Z. von Heike Schmoll

"SPRACHE UND MENSCHENBILD - DIE POLITISCHEN REDENSCHREIBER ERINNERN SICH AN IHRE EIGENE VERANTWORTUNG"

"Ihre Sprache ist ihr Geist, und ihr Geist ist ihre Sprache; man kann sich beides nicht identisch genug denken", sagt Humboldt von den Völkern. Das heißt aber auch, daß die Barbarei der Sprache unweigerlich mit der Barbarei des Geistes einhergeht. Wer könnte das besser wissen als die politischen Redenschreiber? Gleichwohl zeigen die Reden, die landauf, landab vom Kommunalpolitiker bis zum Bundespräsidenten gehalten werden, nicht immer, daß sie von Redenschreibern verfaßt wurden, die sich dessen ganz bewußt waren. Mit wohlfeiler Sprachkritik wollte sich der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) bei seinem Kongreß zum Thema " Sprache und Menschenbild" in Berlin trotzdem nicht begnügen. Nicht das traurige Lied vom Niedergang der Sprache solle angestimmt werden, es sei so alt und so fruchtlos, mahnte der Präsident des Verbandes, der frühere Redenschreiber Helmut Schmidts, Thilo von Trotha. Er berichtete aus dem Alltag eines Redenschreibers, der 90 Prozent seiner Kunden nur telefonisch kennt. Zehn, fünfzehn Reden habe er für sie geschrieben, er kenne sie trotzdem - es genüge ein Satz, er wisse nicht alles, aber oft das Wichtigste von einem Menschen. In ihrer Sprache offenbarten sie sich. "Was verrät es uns über einen jungen Mann, der seine Freundin liebevoll ,geile Schnitte' nennt?" fragte er. Wenn das Sprachkönnen das Denkvermögen begrenze, entscheide die Sprache über die Reformfähigkeit Deutschlands. Insofern hänge das Schicksal der Gesellschaft durchaus in Arnold Toynbees Sinne von einer schöpferischen Minderheit ab, zu der die Redenschreiber sich zählen. Noch verräterischer als solche Sprachäußerungen einer weit jenseits des Jugendalters gebräuchlichen Jugendsprache ist jedoch die allgemeine Sprachlosigkeit. Häufig sind es nicht mehr die sprachlichen Ä ußerungen selbst, sondern die Unfähigkeit, sich überhaupt zu artikulieren. Es sei das Schweigen über manche Dinge, die ihn so verzweifelt machten, sagte der ehemalige Redenschreiber Genschers und von Weizsäckers, Generalkonsul a. D. Michael Engelhard, und nannte als Beispiel dafür das Schweigen der Öffentlichkeit nach der Veröffentlichung der Greueltaten von Abu Ghraib. Anstatt nachzufragen und Konsequenzen zu fordern, hätten auch Journalisten schlicht geschwiegen.

In seinem Referat mit dem biblischen Motto "Deine Sprache verrät dich" erinnerte er an sprachlich besonders verunglückte Sätze der jüngsten politischen Vergangenheit. So habe der neue Bundestagspräsident Lammert von der zukünftigen Berliner Regierung gesagt, das Parlament sei "sein" (statt ihr) Auftraggeber. In Frankreich wäre ein Präsident der Assemblée Nationale nach einem solchen Lapsus erledigt, kommentierte Engelhard und bot ein zweites, noch unglücklicheres Beispiel. Es sei ein Fehler des Wahlkampfes gewesen, daß er rationale Erklärungen "nicht genügend mit Seelenschmalz abgefedert hätte". Engelhard sieht solch einen Satz als Beleg dafür, daß die Bedeutung von Worten sich zunehmend ablöst. Das gilt auch für "kirre machen" - umgangssprachlich als "verrückt machen" benutzt und damit getrennt von der ursprünglichen Bedeutung, jemanden gefügig zu machen.

Während es den Franzosen und Italienern immer noch gelungen sei, ein vernünftiges Verhältnis zur eigenen Sprache zu entwickeln, sei dies in Deutschland versäumt worden. Bei allem bildungsreformatorischen Gerede der jüngsten Vergangenheit habe er nie etwas von Sprache gehört, obwohl sie das höchste geistige Gut eines Volkes überhaupt sei, beklagte Engelhard. Als Folge sieht er das eigentliche Ziel aller Bildungspolitik darin, den Menschen zu seiner Sprache zu führen. Das sei nicht nur ein bildungspolitisches, sondern ein wahrhaft demokratisches Ziel. Wer seine eigene Sprache nicht finde, sei auf Nachplappern angewiesen und gerate unversehens in die Abhängigkeit von anderen. Die Erziehung zur eigenen Sprache sei die Erziehung zum demokratischen Bürger, sagte Engelhard und zitierte Hölderlins grundlegende Beschreibung menschlicher Verständigung: "Viel hat erfahren der Mensch, seit ein Gespräch wir sind und hören können."

Weit entfernt von solchem auf Verständigung angelegtem Sprechen sind die typischen Feststellungen der Börsennachrichten wie "Die Kurse haben sich erholt", "Der Ölpreis gab nach", die "Aktien litten unter Gewinnmitnahmen". Hier werden die wirklich Handelnden, die Spekulanten, nicht genannt. Diese Sprache schließe einige Menschen von der Kommunikation aus, sagte der Wissenschaftler für Organisationskommunikation Helmut Ebert aus Bonn. Wer als Führungskraft in einem Unternehmen Menschen behandele wie ein Objekt, verursache in seinem Betrieb hohe Kosten. Gelungene Führung verstehe sich immer als Interaktion zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Ob es daran liegt, daß die Sprache vage wird, bevor die Wirtschaftszahlen schlechter werden?


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02.11.2005
 
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