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Diffuses Bürgerbild in politischen Reden

Aktuelle Studie des VRdS und der Universität Koblenz-Landau

Berlin / Koblenz, 17. November 2011

Was halten Politiker von den Bürgern ihres Landes? Um dies herauszufinden, haben das Seminar Medienwissenschaft der Universität in Koblenz und der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) in einer gemeinsamen Studie Reden von Bundespolitikern analysiert und sind dabei zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen. Das Bürgerbild der Politiker ist diffus bis widersprüchlich und der Klang an sich wohlfeiner Politiker-Sätze bei genauem Hinschauen nicht immer schmeichelhaft.

"Die Rede ist verräterisch, sie offenbart oft mehr als das, was der Redner ausdrücklich sagen möchte", so Dr. Vazrik Bazil, Präsident des VRdS in seiner Zusammenfassung des Abschlussberichts. So werden Bürger in Politiker-Reden oft wie unmündige Kinder dargestellt, die genauer Anleitung bedürfen und die man "abholen" und "mitnehmen" muss. Politiker schlüpften in die Rolle von Eltern, die glauben zu wissen, wo es lang geht. "Wir haben... wichtige Weichenstellungen vorgenommen... eine Kreditklemme verhindert... Familien mehr Kindergeld gegeben... eine Rekordsumme... in die Infrastruktur gesteckt", zitiert Prof. Dr. Helmut Ebert von der Universität in Koblenz aus einer Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Unabhängig davon, ob die Rede von Haushaltspolitik, Integration oder Stuttgart 21 handelt, beantworte sie bewusst oder unbewusst immer auch die Frage, wie Politiker den Bürger sehen: In vielen Fällen als Teil ihrer Probleme und nicht als Lösung von Problemen, so das Ergebnis der Studie. Bürger werden nicht als "Bürger" genannt, sondern als Anspruchs-, Forderungs- oder Förderungs-Subjekte mit sachlichen Bezeichnungen wie "Steuerzahler", "Ältere", "Alleinerziehende", "Erwerbstätige", "Erwerbslose" usw.

Fast immer werden laut Studie Begriffe wie "Bürger" und "Mensch" synonym gebraucht, obgleich sie Unterschiedliches bedeuten. Widersprüchlich sei das Bürgerbild auch, weil verschiedene Perspektiven miteinander vermengt werden - mal ist der Bürger Teil des Staates, ein andermal steht er dem Staat hilflos gegenüber. Will der "Bürger" Versorgung und Sicherheit, hat er es mit dem Versorgungsstaat zu tun; ist er nur ein Mündel, dann ist der Vormundstaat am Werk und ist er Beitragsbürger, greift der Sozialstaat ein. "Es sind diese 'Staaten', welche Politiker oft mit 'Wir' meinen", heißt es in der Studie.

Insgesamt lassen sich laut Studie beim Bürgerbild in Politiker-Reden vier Tendenzen erkennen. Demnach wird der Bürger dargestellt (1) als schwer fassbares Subjekt, (2) als widerspenstiges Kind, das belehrt und über seine eigenen Interessen aufgeklärt werden muss, (3) als Empfänger staatlicher Gaben und Beitragszahler für das Gemeinwohl, (4) als Mensch, der Freiheit fürchtet aber Freiheit braucht, um sich und die Gemeinschaft zu entwickeln.

Für die Studie wurden insgesamt zehn Reden aus den Jahren 2010 und 2011 analysiert. Redner waren Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Joachim Gauck, der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel, Außenminister Guido Westerwelle, Finanzminister Wolfgang Schäuble sowie der damalige Bundesinnenministers Thomas de Maizière. Die Auswahl erfolgte nach besonderen Anlässen und ihrem Presseecho, nicht unter repräsentativen Aspekten. Die Ergebnisse sollen vor allem die Diskussion um die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern anregen. Prof. Ebert: "Das Nachdenken über Bürgerbilder ist eine strategische Aufgabe für Politiker wie für Bürger und kann nur gemeinsam gelingen."

Die Studie kann als Datei kostenfrei über den Campus Koblenz und den VRdS sowie per E-Mail unter info@vrds.de bezogen werden.

Pressekontakt:

Claudius Kroker

Claudius Kroker

Kapitelshof 26
53229 Bonn

Telefon (0228) 4107721

Email: kroker@vrds.de


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