Macht der Rede
Kolumne des Präsidenten, Februar 2012
In letzter Zeit debattiert die Öffentlichkeit ausgiebig über die Macht und Ohnmacht der Rede. Der Anlass, den der Bundespräsident dazu gegeben hat, greift aber über seinen Fall, wie man ihn auch beurteilen mag, hinaus und wirft grundsätzliche Fragen zur Kraft des Wortes auf. Gewiss ist das wichtigste Mittel für einen Bundespräsidenten, Debatten anzustoßen, auf sie einzuwirken und den Bürgerinnen und Bürgern Orientierung zu geben, die Rede. Gleichwohl sind alle, die in der Politik oder Wirtschaft Führungspositionen innehaben, auf Reden angewiesen, die wiegen und wirken. Denn Rede ist Führung.
Wann ist aber eine Rede mächtig und wann ohnmächtig? Sehen wir einmal von der handwerklichen Fertigkeit der Rede ab, stellt sich der Redner als die entscheidende Größe heraus. Die Macht der Rede hängt von der Authentizität des Redners ab. Authentizität, ein oft missverstandenes und zuweilen abgegriffenes Wort, heißt keineswegs „bleibe so, wie du bist“, denn sonst hätten Bildung und Ausbildung keinen Sinn mehr, auch nicht in der Redekunst. Bei Rednern, die große öffentliche Kreise erreichen wollen – z. B. aufgrund ihrer Ämter – bedeutet Authentizität vielmehr „erfülle die öffentliche Rolle, die dem Amt entspricht“. Diese Rolle ist der Inbegriff von Erwartungen, die die Öffentlichkeit an das Amt stellt, und ist kulturell gewachsen. Andere Länder, andere Rollen. Reden müssen also nicht nur Hand und Fuß haben, sondern auch ein Gesicht, das der öffentlichen Rolle entspricht. Und Amtsträger müssen bemüht sein, ihr „Gesicht zu wahren“, damit Hand und Fuß nützlich sind und damit ihre Reden Macht haben. Andernfalls helfen auch rhetorische Hechtsprünge ins Spektakuläre und Pomphafte nicht mehr.
Bei gesellschaftlich relevanten und gewichtigen Reden sollten wir uns allerdings von einer wohlig-traulichen Vorstellung verabschieden, davon nämlich, dass die Bürgerinnen und Bürger diese Reden von „sehr geehrte Damen und Herren“ bis „herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“ hören und dann ihr Urteil dazu bilden. Nur die allerwenigsten machen sich die Mühe und hören sich diese Reden vollständig an. Vielmehr reimt sich die Öffentlichkeit aus Redefetzen und Zitaten, die Medien ihr vermitteln und in Kommentaren einbetten, das Ganze zusammen. Reden wirken hier nur mittelbar und leben vom gepflegten Hörensagen. Wünschenswert wäre natürlich der erste Weg, wirklich ist aber der zweite. Die so genannten „legendären“ Reden haben sich dieses Adjektiv nur deshalb zugelegt, weil einzelne Sätze, plakativ und präzise genug, in die Öffentlichkeit spitz eingedrungen sind und im kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft abgespeichert wurden. Die ursprüngliche Voraussetzung der Rede, nämlich Redner und Publikum von Angesicht zu Angesicht, ist bei der großen Öffentlichkeit nicht gegeben. Nur wenige kommen in den Genuss, gesellschaftsrelevanten Reden auch beizuwohnen und den Redner unmittelbar zu erleben. Umso wichtiger ist die Vermittlung durch die Medien und die kundige Öffentlichkeitsarbeit der entsprechenden Institutionen. Auch Reden brauchen Schützenhilfe.
Hinzu kommt auch das Thema. Es ist wichtig, alte und veraltet anmutende Themen neu sehen zu lernen. Drei Beispiele seien hier genannt: 1) „Glück“ – dieses aus dem politischen Raum nahezu verschwundene Thema feiert seinen Wiedereinzug, weil es nicht nur in Frankreich oder Großbritannien, sondern auch bei uns Versuche gibt, das „Bruttoinlandsprodukt“ (BIP) als Maß des Wohlstandes durch „Glück“ zu ersetzen, also was bedeutet Glück für das gesellschaftliche Wohlergehen, gerade in diesen Krisenzeiten? 2) „Politik“ – Angesichts der so genannten Politikverdrossenheit ist es wichtig, die Selbstständigkeit des politischen Handelns gegenüber Wirtschaft und Wissenschaft zu betonen. Nur wenn Politik diese Selbstständigkeit und Eigenständigkeit zurückgewinnt, wirkt sie wieder glaubwürdig und kann auf das Vertrauen der Bürger setzen. 3) Der „ehrbare Kaufmann“ – Wie Wirtschaft funktioniert und wie die Finanzkrise entstanden ist, soll natürlich erklärt werden. Entscheidend aber sind nicht die Systeme, sondern die Menschen und ihr Handeln. Der so genannte „ehrbare Kaufmann“ könnte als Vorbild für verantwortungsbewusste Unternehmer immer wieder in Erinnerung gerufen werden.
Wenn es darüber hinaus auch gelingt, auf ranzig gewordene Phrasen und Rosenkränze von Artigkeiten zu verzichten und wenn es gelingt, inhaltliche Zusammenhänge so aufzudröseln, dass man die Menschen nicht „abholt“ – und selber dabei stecken bleibt -, sondern „anzieht“ und so Kräfte in ihnen in Gang setzt, dann wird es auch wahrscheinlicher, dass die Rede ihre Macht entfaltet und die Menschen bewegt.
Diese Kolumne hat eine Reihe von Entgegnungen erfahren:
Alan Posener, Korrespondent für Politik und Gesellschaft der Welt-Gruppe
Peter Sprong, Inhaber SprongCom GmbH und Autor des Buches "Das befreite Wort"
Dr. Gregor Gysi, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke
Hans-Olaf Henkel, ehem. Präsident des BDI und der Leibniz-Gemeinschaft, heute Buchautor mit diversen Aufsichtsratsmandaten
Ansprechpartner:
Dr. Vazrik Bazil
Präsident VRdS
c/o Auf der Steinkaule 7
D-53639 Königswinter
Email: bazil@vrds.de

