Auch Schimpfwörter bereichern unsere Sprache
Kolumne des Präsidenten, Dezember 2011
Vor einigen Tagen war ich in der Lutherstadt Wittenberg zu Gast auf einem Podium, dessen Thema die jetzige Lage der deutschen Sprache war. Wie so oft spielte dabei der Anglizismus eine gewichtige Rolle, mit dem tröstlichen Unterschied, dass dieses Mal kein Podiumsteilnehmer apokalyptische Visionen geschildert oder in der zugegeben gedankenlosen Verwendung von "weekend", "shoppen" oder "coffee to go" die leisen Schritte der deutschen Kultur zum Abgrund gehört hat.
Dabei fiel mir ein, dass wir der Sprache einen Vitalitätsschub verpassen könnten, wenn wir z. B. alte, inzwischen ungebräuchliche, doch von flinker Einbildungskraft zeugende Schimpfwörter wieder in den Umlauf setzten und so unseren aktiven Sprachschatz erweiterten.
Das ist auch bitter nötig. Denn die sprachliche Armut auf diesem Feld ist mehr als ohrenfällig. Beschränken wir uns im Alltag doch auf ein einziges Schimpfwort, das aus zwei Silben besteht und fäkaler Herkunft ist. In dessen Dunstkreis befinden sich dann weitere inhaltlich benachbarte Wörter. Erstaunlich ist allerdings, dass viele Menschen nichts, auch nichts Unappetitliches mehr mit diesem Wort assoziieren, auch dann nicht, wenn sie zu Tisch sind und auf ihren Teller, neben z. B. die saftige Bratwurst, ein Häufchen Senf geben. Diese Gedankenlosigkeit beschränkt sich hoffentlich nur auf dieses eine Wort, denn sonst wäre es äußerst bedenklich, wenn Menschen Ausdrückte benützten, ohne zu wissen, was sie eigentlich sagen.
Sprachlich gesehen wäre es höchste Zeit, unseren aktiven Schmähwortschatz zu erweitern und unsere Wörterwelt der Aggression vom Reich der Fäkalien abzusetzen. Nachfolgend also einige Wörter, die nicht ich, sondern Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) zusammengestellt hat:
| Alter Krachwedel | Tölpel | Vettel |
| Bärenhäuter | Hundsfott | Lork |
| Bankert | Maulaffe | Sauwedel |
| Flegel | Klotzkopf | Lausewenzel |
| Reckel | Laffe | Lausebalg |
| Nickel | Schnauzhahn | Trulle |
Diese ungewohnten Schimpfwörter erweitern nicht nur unseren Wortschatz und retten altbewährte Ausdrücke, sondern haben auch noch den Vorteil, dass sie dem heutigen Menschen ein Schmunzeln entlocken. Das mindert in zwischenmenschlich brenzligen Situationen dessen Aggression – eine wunderbare Nebenwirkung gerade in der Adventszeit, in der so oft von Besinnlichkeit die Rede ist. Und wenn wir wieder mittags oder abends auf Weihnachtsmärkten schlendern und bei Hunger eine Bratwurst bestellen, dann können wir ruhigen Gewissens und ohne unappetitliche Assoziationen die schöne, große und saftige Bratwurst mit Senf bestreichen und kosten. Guten Appetit!
Ansprechpartner:
Dr. Vazrik Bazil
Präsident VRdS
c/o Auf der Steinkaule 7
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Email: bazil@vrds.de

