Redner als Pädagogen
Kolumne des Präsidenten, Oktober 2011
Im August dieses Jahres hat Botho Strauß, Dramatiker und Essayist, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel mit der Überschrift „Klärt uns endlich auf“ veröffentlicht. Darin beklagt er: „Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen. Die Autorität, die er vielleicht kraft seines Amtes noch besitzt, leidet in der Regel, sobald er den Mund aufmacht.“ Und dann beschreibt er den wunden Punkt: „Doch gehört es zu den verderblichen pädagogischen Usanzen, das Niveau zu senken, um den Rezipienten dort abzuholen, wo er steht. Er braucht nicht abgeholt zu werden, sondern wird angezogen, nähert sich von selbst, wenn jemand von einer etwa zehn Zentimeter höheren Warte zu ihm redet.“
Es ist gewiss keine welterschütternde Einsicht mehr, dass sachliche Zusammenhänge auf nahezu allen politischen Feldern, von Wirtschaftspolitik und Finanzpolitik über Gesundheitspolitik und Europapolitik bis zur Sicherheitspolitik und Außenpolitik komplexer und komplizierter geworden sind. Und es ist auch keine himmelstürmende Erkenntnis, dass selbst Politiker nicht alle diese Zusammenhänge durchschauen und überblicken. Gleichwohl ist der öffentliche Ruf nach Aufklärung laut, nach Wortmeldungen und Reden, welche diese Zusammenhänge einigermaßen plausibel erklären und vor allem die Gründe für politische Entscheidungen beleuchten können. Schließlich wird das Land weder von Wissenschaftlern noch von Universitätsprofessoren regiert, sondern von Politikern, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind.
Erwachsen dadurch den politischen Rednern neue Aufgaben? Im Grunde nicht. Denn das, wonach die Öffentlichkeit ruft, nämlich Erklärung und Aufklärung, hat immer schon eine gute Rede ausgemacht. Erinnern wir uns kurz an die drei Redeabsichten der klassischen Rhetorik: delectare (erfreuen), movere (bewegen) und docere (belehren). Mag das Wort "belehren" für unsere Ohren heute auch so überheblich klingen, zeigt es doch nichts anderes als die Fähigkeit und Fertigkeit des Redners, Sachverhalte und Entscheidungen so zu begründen, dass das Publikum sie versteht. Wollte man hier einwenden, dies sei zu rational, das Emotionale würde die Menschen eher ansprechen, dann vergisst man, welche positive Emotionen Menschen verspüren, wenn sie das Gefühl haben, etwas verstanden zu haben, wovon Politik und Medien jeden Tag sprechen. Eine Einsicht mehr ist eine Genugtuung mehr.
Natürlich werden in politischen Reden Platzhalter oder Sprachfüllsel nie fehlen, schon gar nicht in Wahlkämpfen. Plattitüden und Plakatives haben dort einen unanfechtbaren Stammplatz. Gleichwohl sollte heute ein Politiker dem Ruf der Öffentlichkeit nach Erklärung und Aufklärung entsprechen und ein wenig auch als "Pädagoge" wirken. Dabei wird er keine "Knaben führen", wie das Wort es nahe legt, sondern Bürger durch das Führungsinstrument "Rede".
Ein guter Pädagoge weiß, dass er selbst beim Kind, das seine Hand nach einem Apfel ausstreckt, nicht den Apfel heranholen muss, sondern umgekehrt das Kind den Apfel greifen helfen. Um so mehr bei Bürgern. Statt diese "abzuholen", sollten Politiker sie durch klärende und aufklärende Reden "anziehen", so dass diese "sich von selbst nähern", wie Strauß es formuliert hat.
Gute Redner müssen heute auch gute Pädagogen sein.
Ansprechpartner:
Dr. Vazrik Bazil
Präsident VRdS
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