Lob der Floskel
Kolumne des Präsidenten, April 2011
Es ist eine gute Übung, Redende und Schreibende vor Floskeln zu warnen, vor Wörtern und Wendungen, die überflüssig sind und ohne die man Zeit in der Rede und Platz auf dem Papier sparen könnte. Floskel kommt von Lateinisch flosculus, Verkleinerung von flor, und bedeutet Blümchen. Floskeln sind Blümchen, oft papierne, die nicht duften, aber im Beet aufgesteckt werden, um es von Weitem ansehnlich erscheinen zu lassen.
Einige unserer Lieblingsfloskeln sind zum Beispiel innovativ, dynamisch, motiviert, kreativ, werteorientiert, Zukunftsperspektiven, Visionen, wir sind gut aufgestellt, das hat für uns höchste Priorität. Stellenanzeigen, Geschäftsberichte, Reden, Prospekte, Webseiten kommen ohne sie inzwischen nicht mehr aus. Wir wiederholen sie so papageienhaft, dass wir selber nicht mehr wissen, was sie eigentlich bedeuten und, vielleicht noch wichtiger, nicht bedeuten.
Zu Recht also brechen wir den Stab über sie. Nun möchte ich aber auch eine Lanze für sie brechen. Und zwar für eine besondere Art von Floskeln, ohne die wir den Alltag und die Allnacht nicht überstehen könnten. Das fängt schon an mit der Frage "Wie geht es Dir/Ihnen?" Ob wir jedes Mal so interessiert an Auskünften über das Wohlergehen anderer sind, scheint unwahrscheinlich zu sein. Als ich auf die Frage eines Bekannten "Na, alles klar?" mit "Alles dunkel" geantwortet habe, hat er einfach weiter geredet, als ob ich gar nichts gesagt hätte. Aber wehe, wenn wir diese Fragen aus unserem Satzschatz tilgten und direkt zur Sache kämen, dann aber würden wir mit dem Etikett "unhöflich" zugekleistert werden. Oder denken wir an Briefe, die mit "Liebe" beginnen und mit "Herzlichen Grüßen" enden, obwohl der Absender den Empfänger zum ersten Mal kontaktiert und gar nicht persönlich kennt. Mit so viel Gefühlen überschüttet, bleibt einem nichts anderes übrig, als das Fenster zu öffnen und nach frischer Luft zu erhaschen. Oder denken wir an das Wort ‚interessant‘. Wie viele Vernissagen überstehen wir glimpflich, weil wir die mit uns befreundete Galeristin nicht verletzen und ihre Frage nach unserer Meinung zu den ausgestellten Bildern, die wir überhaupt nicht ausstehen können, mit "interessant" beantworten. Oder denken wir an Redner, die eine Einladung auf Druck und Drängen ihres Büroleiters annehmen, aber die Rede mit "Ich freue mich sehr, hier zu sein" beginnen. Rhetorik kennt die captatio benevolentiae, also das Erringen von Wohlwollen gleich zu Beginn der Rede, um das Publikum zu gewinnen ("Sehr geehrte …", "Ich freue mich, hier zu sein" usw.), nicht aber die captatio malevolentiae ("Hallo ihr Deppen", "Ich habe etwas Besseres zu tun, als vor euch zu reden" usw.).
Floskeln gehören zum Alltag. Höflichkeit kommt ohne sie nicht aus. Menschliches Zusammenleben ebenso wenig. Deshalb greift hier die goldene Regel der Rhetorik: Angemessenheit. Verwende also Floskeln so wenig wie möglich, aber so viel wie notwendig. Und sie sind ab und zu notwendig. Wer weiß, vielleicht deshalb hängt mit Floskel als flosculus auch das Wort "Flirt" zusammen.
Ansprechpartner:
Dr. Vazrik Bazil
Präsident VRdS
c/o Auf der Steinkaule 7
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