Über Sprachreiniger
Kolumne des Präsidenten, Februar 2011
Vor einigen Tagen hat mir eine gewisse Frau Müller eine E-Mail geschickt. Wer sie ist, weiß ich nicht, was sie macht, genauso wenig. Aber anscheinend ist sie eine Bürgerin, die sich um die deutsche Sprache Sorgen macht und deren Verfall beklagt. Beendet hat Frau Müller ihre E-Mail mit den Sätzen: "Was kann ich tun, damit meine Tochter, Anna, nicht mehr dieses entsetzliche Denglisch spricht?" Ich war von ihrer Offenheit so entzückt, dass sie mich mit ihrem missionarischen Eifer beinahe angesteckt hätte.
Aber ich habe Frau Müller beruhigt und ihr geschrieben, dass auch andere ihre Sorgen teilen, dass sie mit ihrem Unmut keineswegs alleine ist, und dass eine Schar von Sprachreinigern und Sprachpflegern, Sprachbewahrern und Sprachschützern unterwegs ist, um Anglizismen zu bekämpfen und die deutsche Sprache zu reinigen.
Die vermeintlichen Flecken sind nicht neu. Im Barock waren zwar nicht die "Antianglizisten" unterwegs, aber die "Entwelscher", die auf Französisch zielten. Sie schlugen z.B. ‚Blitzfeuererregung' für ‚Elektrizität', vor, ‚Dörrleiche' für ‚Mumie', ‚Jungfernzwinger' für ‚Kloster' oder ‚Menschenschlachter' für ‚Soldat'; einer kam sogar auf die Idee, das Wort ‚Nase' mit ‚Gesichtserker' zu ersetzen - ein angeblicher Seitenhieb gegen Latein. Heute kommen uns diese Vorschläge gekünstelt vor und kitzeln unsere Lachmuskeln. Gleichwohl haben einige Eindeutschungen Karriere gemacht, ohne die Mitbewerber aus dem Rennen zu werfen: ‚Anschrift' für ‚Adresse', ‚Augenblick' für ‚Moment' oder ‚Bücherei' für ‚Bibliothek'. Großzügig ging sogar Goethe höchst persönlich mit der Sprache um, als er "kollationierte" oder eine Dame "accompagnierte". Heute genießt die französische Sprache eine Atempause und die englische ist an der Reihe. Auch heute, wie damals, unterbreiten emsige Sprachpfleger jede Menge Vorschläge: ‚Prallkissen' für ‚Airbag', ‚Schnellkost' für ‚Fastfood', ‚Klapprechner' für ‚Laptop' oder ‚Strompost' für ‚E-Mail'. Manche Übertragungen sind gelungen, andere weniger.
Anglizismen klingen modisch und schick. Sie dienen der Selbstdarstellung, stärken bei Gruppen das Zusammengehörigkeitsgefühl, und manchmal, gerade im Beruf, gehören sie einfach zum Alltag. Auf jeden Fall, habe ich an Frau Müller geschrieben, sollte sie ihrer Tochter das Gefühl gönnen, ‚in' zu sein. Viel wichtiger als vagabundierende Anglizismen sind, so habe ich ihr weiter geschrieben, die Klarheit und Verständlichkeit der Sprache - in der Verwaltung, im Management und in der Politik. Es wäre auch sehr dienlich, wenn Anna ihren Wortschatz erweiterte und gute Literatur läse. Das muss nicht immer Goethe und Schiller sein. Zeitgenössische Autoren schreiben auch vorzügliche Werke. Am Ende meiner E-Mail an Frau Müller (‚Strompost' gefällt mir nicht so sehr) habe ich den Wunsch geäußert, sie möge sich nicht jenen Sprachreinigern anschließen, "die so lange an der Sprache herumreinigen, bis keine Flecken mehr, sondern bloß noch Löcher da sind" (Kurt Tucholsky). Und was Anna betrifft, habe ich ihr als Sofortmaßnahme vorgeschlagen: "Schicken Sie bitte Ihre Tochter zu einem anständigen Englischkurs. Das ist vermutlich der beste Weg, um sich überflüssiger Anglizismen zu entledigen. Mit besten Grüßen und Wünschen."
Ansprechpartner:
Dr. Vazrik Bazil
Präsident VRdS
c/o Auf der Steinkaule 7
D-53639 Königswinter
Email: bazil@vrds.de

