Den Wörtern ihre faule Mystik nehmen
Kolumne des Präsidenten, August 2011
Diese Wendung im Titel stammt nicht von mir. Ihr Autor ist Bertolt Brecht. Er hat sie in seinem 1934 geschriebenen Text, "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit", platziert. Darin beschreibt er die fünf Hürden, die überspringen soll, wer die Wahrheit schreiben will: Er soll den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, die Klugheit, die Wahrheit zu erkennen, die Kunst, die Wahrheit handhabbar zu machen, das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen die Wahrheit wirksam wird, und schließlich die List, die Wahrheit unter vielen zu verbreiten.
Sobald Brecht auf diese List zu sprechen kommt, sagt er, dass man bestimmten Wörtern ihre faule Mystik nehmen müsse, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Als Beispiele nennt er Wörter, die zu seiner Zeit, politisch bedingt, in mystischer Versenkung die Wahrheit vernebelten, wie „Volk“ oder „Boden“. Brecht meint, man könne diese Wolken der Unbestimmtheit mit anderen Wörtern zerstieben, wie, in diesem Fall, mit „Bevölkerung“ oder „Landbesitz“. Das Wort „Volk“ z. B. erwecke den Anschein, als ob es eine Einheitlichkeit von Interessen innerhalb einer Gruppe von Menschen geben könnte, während das Wort "Bevölkerung" unserer Vorstellung keinen Zwang antue und durchaus verschiedene oder gar entgegengesetzte Interessen zulasse. Ähnlich meine "Boden" nicht etwa die Fruchtbarkeit des Bodens oder dessen Schollengeruch, der den Börsen oder Machthabern reichlich egal sein dürfte, sondern den Getreidepreis und den Preis der Arbeit, worauf es ankäme. Deshalb sei das Wort "Landbesitz" zutreffender als das andere.
Das, was Brecht beschreibt, ist weder alt noch veraltet. In unserer heutigen öffentlichen Sprache wimmelt es von Wörtern mit fauler Mystik: "Kommunikation", "Netzwerk", "Wertegemeinschaft", "Gerechtigkeit", "Freiheit", "Globalisierung", "Wachstum", "Wertschöpfung" usw. Ist der Gebrauch dieser Wörter machtpolitisch bedingt, weil man weiß, dass man in trüben Buchten besser fischen kann als in klaren, so ist das immerhin ein Grund, den man verstehen, wenn auch nicht immer teilen oder rechtfertigen kann. Verwendet man aber diese Wörter nur aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, ohne die "Anstrengung des Begriffs" (Hegel) auf sich zu nehmen, dann sollte man die zweite brechtsche Hürde überspringen, sich anstrengen und den Sachen auf den Grund gehen. Ein Beispiel: Man nehme das so beliebte Wort „Werteorientierung“. Allenthalben mahnen Politiker ein werteorientiertes Leben an und tun so, als ob ein nicht-werteorientiertes Leben überhaupt möglich wäre, als ob Werte an sich moralisch nur "gut" sein könnten. Doch leben Menschen stets werteorientiert, Heilige genau so wie Sünder, Gerechte genau so wie Diebe oder Verbrecher. Ein Diebesgut stellt für den Dieb einen Wert dar und wer an der Börse zockt, führt ebenfalls ein äußerst werteorientiertes Leben. Also ist es manchmal sinnvoller das Wort "werteorientiert" z. B. durch das Wort "Tugend" zu ersetzen, denn nur bei Tugend kann man sicher sein, dass sie moralisch nicht neutral ist, wie der "Wert", sondern immer "gut" und daher vertretbar: Eine böse "Gerechtigkeit" oder schlimme "Mäßigung" kann es eben nicht geben.
Als "Wolkenvertreiber" muss man allerdings die anderen brechtschen Hürden ebenfalls überspringen und manchmal sogar mit List Licht ins Dunkel bringen. Auch dafür, wie man es tut, hat Brecht einige Beispiele angeführt. Das berühmteste: die Rede des Marc Anton in William Shakespeares "Julius Cäsar".
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